Stadtbefestigung, Hainburg an der Donau (Niederösterreich)

Zuletzt ging es hier um die mittelalterliche Stadtbefestigung von Marchegg, insbesondere die Reste von zweien ihrer Tore, dem Wiener Tor im Westen der Stadt und dem Ungartor im Osten. Ursprünglich gab es aber noch ein drittes, das nach Süden führende Groißenbrunner Tor. Alternativ wurde dieses allerdings auch als Hainburger Tor bezeichnet, denn verlässt man Marchegg in diese Richtung, gelangt man (mit dem Auto) in einer Viertelstunde nach Hainburg an der Donau. Hier kann man mit dem Besichtigungsprogramm gleich direkt fortfahren, denn auch hier haben sich große Teile der alten Stadtmauer erhalten.

Ja, wenn man ehrlich ist, muss man zugeben: Die Befestigungsanlagen Hainburgs lassen jene in Marchegg alt ausschauen. Allerdings nur metaphorisch gesprochen. De facto nämlich sind die Hainburger Mauern um einige Jahrzehnte älter. Sie sind auch größer, höher und besser erhalten. Anders gesagt: Die Stadtmauer von Marchegg mag eine bedeutende Stellung in der österreichischen Architekturgeschichte einnehmen, jene von Hainburg hingegen zählt zu den beeindruckendsten Anlagen ihrer Art in ganz Europa.

In Hainburg bestand seit dem Hochmittelalter eine Wehranlage, die, in strategischer Position an der Donau, die Grenze zu Ungarn sicherte. Unter Herzog Leopold VI. (1176–1230) wurde diese zur Burgstadt ausgebaut. Der Überlieferung zufolge wurden Teile des Lösegeldes für Richard Löwenherz zur Finanzierung des Projekts herangezogen. So wurde in den Jahren unmittelbar nach 1220 die über der Stadt gelegene Burg verstärkt und von dieser ausgehend eine im Grundriss annähernd dreieckige Stadtbefestigung angelegt.

Halterturm

Die Mauern erstrecken sich über eine Länge von insgesamt etwa 2,5 Kilometer und sind zusätzlich durch Türme befestigt. Ursprünglich waren es 22 an der Zahl, heute sind noch 15 davon übrig. Der höchste davon ist der fünfgeschossige Halterturm an der Ostseite der Stadt. Er wird von einem Zinnenkranz bekrönt und entspricht so ganz der (heutigen) Idealvorstellung eines mittelalterlichen Wehrturms.

Sog. „Haus der Theodora“

Unmittelbar daneben und baulich mit der Stadtmauer verbunden, befinden sich die Reste des sog. Hauses der Theodora. Der Name bezieht sich auf die Frau Herzog Leopolds, die byzantinische Prinzessin Theodora Angeloi, die hier 1225/1226 gelebt haben soll. Im Bereich dieses Hauses findet man Fragmente spätromanisch-frühgotischer Biforenfenster, die von seinem repräsentativen Anspruch zeugen.

Wasserturm/Götzenturm

Ähnliche Fensterformen begegnen aber auch an anderen Stellen der Befestigungsanlage, etwa am polygonalen Wasserturm, der die zur Donau hin gelegene Nordostecke der Stadtmauer markiert. Er wird auch Götzenturm genannt, da er den letzten Rest des sog. Götzenhofes bildet. Dabei handelte es sich um die Stadtresidenz der Herren von Röthelstein, die in die Stadtbefestigung integriert war. Wie die Biforenfenster im Obergeschoß des Turmes zeigen, diente er aber ebenfalls nicht ausschließlich Wehrzwecken.

„Opus spicatum“

Auch ansonsten bieten die Hainburger Mauern manches interessante Detail. Beim Haus der Theodora kann man zum Beispiel noch gut ein Stück Mauerwerk erkennen, das als opus spicatum (lat. ‚Ährenwerk‘) errichtet wurde. Bei dieser seit der Antike bekannten Mauertechnik werden flache Steine oder Ziegel schräg gegeneinander gestellt, sodass ein ähren- oder fischgrätenartiges Muster entsteht. Im Mittelalter wurde diese Konstruktionsweise vor allem für Füllmauerwerk bei Schalenmauern verwendet, da sie weniger fest und stabil ist als Quadermauerwerk. Dafür war sie jedoch kostengünstiger, da die Steine weniger aufwändig zurechtgehauen werden mussten.

Fischertor

Die eigentlichen Highlights der Befestigungsanlage bilden wie in Marchegg allerdings auch in Hainburg die alten Stadttore. Drei von ihnen sind noch erhalten. Das am wenigsten spektakuläre ist das Fischertor. Im späten 13. Jahrhundert errichtet, ist es auch das jüngste. Es ist auch deutlich kleiner und weniger aufwändig gestaltet als die anderen Stadttore, da es nicht an der Hauptstraße lag und quasi nur dem Hausgebrauch diente: Wie der Name schon suggeriert, bildet es den Aus- und Eingang der Stadt zur Donau hin.

Ungartor

Ungleich monumentaler präsentiert sich das älteste der Tore: das Ungartor im Osten der Stadt. Es wurde um 1230 als turmartiger Baublock errichtet. Nach außen, auf der Feldseite, wurde es dabei mit Buckelquadern verblendet. So entstand eine Schaufassade, die Wehrhaftigkeit signalisierte. Man darf darin wohl einen bewusst gesetzten Imponiergestus des Herzogs sehen. – Ende des 13. Jahrhunderts wurde das Ungartor noch um ein Geschoß erhöht und oben mit einer Zinnenplattform abgeschlossen.

Ungartor

Doch auch das Ungartor bildet noch nicht den eigentlichen Höhepunkt der Hainburger Stadtbefestigung. Es wird noch übertroffen von seinem Pendant am westlichen Ausgang der Stadt, dem Wienertor. Dieses hat, wie ich finde, jedoch einen eigenen Beitrag verdient. Mehr dazu also in den nächsten Tagen …

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Stadtbefestigung, Marchegg (Niederösterreich)

Ungartor

Wie schon in den letzten beiden Posts geht es heute noch einmal nach Marchegg, diesmal allerdings bis ganz zurück an den Anfang der Stadtgeschichte: Marchegg wurde 1268 von Ottokar II. Přemysl (um 1232–1278) – damals König von Böhmen sowie Herzog von Österreich und Steiermark – gegründet. Wie der Name schon verrät, liegt der Ort an der March, dem Grenzfluss zur Slowakei (die bis 1918 zum Königreich Ungarn gehörte). Die neue, befestigte Stadt sollte nicht zuletzt der Sicherung der Grenze dienen, denn acht Jahre zuvor, im Juli 1260, hatte Ottokar an dieser Stelle in der Schlacht bei Groißenbrunn einen militärischen Einfall der Ungarn zurückschlagen müssen.

Südwestecke der Stadtmauer

So entstand auf einem Grundriss in Form eines leicht verzogenen Quadrats eine durchgeplante Stadtanlage, die zum Schutz mit einer acht Meter hohen, insgesamt drei Kilometer langen Mauer umgeben wurde. Der Bau der Befestigung wurde wohl unmittelbar im Gründungsjahr 1268 begonnen. An der Nordseite, wo die March und der einmündende Mühlbach natürliche Barrieren bildeten, kam zur Verstärkung noch ein Kastell – das heutige Schloss – dazu.

Aufgrund seiner Ausdehnung gilt Marchegg als die größte mittelalterliche Gründungsstadt Niederösterreichs. Wie sich herausstellte, war sie allerdings deutlich zu groß konzipiert und erlangte nie ganz die erhoffte Bedeutung: Bis zum heutigen Tag sind weite Flächen innerhalb der Mauern unverbaut geblieben und werden landwirtschaftlich genutzt. Ergänzungen oder Erweiterungen der Stadtmauer, wie sie andernorts vorkommen, waren hier also nie notwendig, sodass der Mauerring nach wie vor im Umfang des 13. Jahrhunderts erhalten ist, auch wenn er im Lauf der Zeit naturgemäß ein wenig gelitten hat und stellenweise deutliche Verfallserscheinungen zeigt.

Südseite der Stadtmauer

Den augenscheinlichsten Verlust bilden die drei früheren Stadttore, die als Verkehrshindernisse beseitigt wurden. Ursprünglich bestanden sie jeweils aus einem Torbau auf rechteckigem Grundriss, der zusätzlich durch einen Rundturm geschützt wurde. Letzterer diente wohl als Stiegenhaus, aber auch als Unterkunft der Torwächter. Diese Kombination aus Torbau und flankierendem Turm war charakteristisch für Befestigungsanlagen unter Ottokar II.

Wiener Tor

Wenngleich in Marchegg die eigentlichen Stadttore abgetragen wurden, haben sich doch zwei der dazugehörigen Rundtürme erhalten. Besonders jener des ehemaligen Wiener Tors im Westen präsentiert sich noch in weitgehend intaktem Zustand. (Das hohe Kegeldach ist allerdings eine Rekonstruktion des 20. Jahrhunderts.) An seiner straßenseitigen Außenwand, im Bereich der ehemaligen Tordurchfahrt, gibt es sogar noch Reste von Sitznischen, die von spitzen gotischen Kleeblattbögen überfangen werden. Aufgrund des veränderten Bodenniveaus ist von ihnen aber nur mehr der obere Abschluss sichtbar, der untere Teil steckt hingegen in der Erde.

Wiener Tor

Die einstige Höhe dieser Nischen kann man hingegen am Ungartor an der Ostseite der Stadt nachvollziehen, denn auch dort ist noch eine vergleichbare Wandvertiefung vorhanden. Die Bekrönungen dieser Sitzarkaden erinnern in formaler Hinsicht an Architekturdetails in böhmischen Königsburgen Ottokars II., etwa in Písek oder Zvíkov.

Ungartor

Am Marchegger Ungartor gibt es aber noch ein weiteres bemerkenswertes Detail: Im Obergeschoß des auch hier noch vorhandenen Rundturms ist ein Fenster mit gotischem Maßwerk erhalten, das zu den ältesten seiner Art in Österreich zählt.

Ungartor

Details wie diese machen deutlich, dass die ottokarische Stadtbefestigung mehr war als eine bloß funktionale Wehranlage. Insbesondere die Torbauten hatten durchaus repräsentativen Anspruch und erinnern daran, dass Militärarchitektur in aller Regel auch Herrschaftsarchitektur ist.

 

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Ehm. Mühle, Salmhof bei Marchegg (Niederösterreich)

Rund zwei Kilometer westlich von Marchegg liegt an der Landstraße ein ausgedehnter Gutshof, der unter dem Namen Salmhof bekannt ist. Als sein Erbauer gilt traditionell nämlich Graf Niklas von Salm d. Ä. (1459–1530) – der Verteidiger Wiens bei der Ersten Türkenbelagerung – der ab 1502 die Herrschaft über Marchegg innehatte. Der Bezug zu dieser berühmten historischen Persönlichkeit dürfte allerdings nur auf Wunschdenken beruhen: Die erhaltenen Schriftquellen legen nahe, dass der Hof erst um 1547 von seinem Sohn, Niklas von Salm d. J. (1522–1550), angelegt wurde.

So oder so sind heute nur noch wenige Bauteile aus dem 16. Jahrhundert vorhanden, denn im Lauf der Jahrhunderte kam es immer wieder zu Zerstörungen, Umbauten und Erweiterungen. Zu den ältesten noch bestehenden Teilen der Anlage zählt die imposante Mühle an der Nordostecke des Geländes. Vor allem im Sockelbereich des Westtrakts geht ihr Mauerwerk an einigen Stellen tatsächlich noch auf das mittlere 16. Jahrhundert zurück. In den ersten Jahren des Dreißigjährigen Krieges, um 1620, dürfte die Mühle allerdings zerstört oder wenigstens schwer beschädigt worden sein. 1629 wurde sie dann unter Wiederverwendung der bestehenden Mauerreste neu errichtet, und zwar ungefähr dreimal so groß wie der ursprüngliche Bau. Damals befand sich der Gutshof bereits im Besitz der bedeutenden Grafenfamilie Pálffy. Unter ihrer Ägide kam es Ende des 17. Jahrhunderts noch einmal zu einer Erweiterung der Mühle, bei der sie im Wesentlichen ihre heutige Gestalt erhielt. Aus dieser Zeit stammt auch die auffällige Arkadenstiege an der Westseite, die dem Wirtschaftsbau ein repräsentatives Aussehen verleiht.

Die Mühle besteht aus zwei weitgehend identischen, langgestreckten Trakten mit Krüppelwalmdach, die parallel zueinander stehen. In der Mitte sind sie durch einen schmalen Querbau verbunden, an der südlichen Stirnseite zusätzlich durch einen Schwibbogen stabilisiert.

Der Querbau ruht auf einer Art Brückenkonstruktion, denn zwischen den beiden Längstrakten verläuft der ehemalige Mühlbach. Hier waren einst die Mühlräder installiert. Für 1629 sind bereits sieben Mühlgänge ausgewiesen, nach der Erweiterung des späten 17. Jahrhunderts stieg ihre Zahl auf zehn. Eine sehr beachtliche, leistungsstarke Anlage also. Um so viele Mühlräder auf einmal betreiben zu können, bedurfte es wohl einer aufwändigen hölzernen Hilfskonstruktion. Die noch aus den Wänden über dem Mühlbach herausragenden Steinkonsolen trugen vermutlich die dazugehörigen Balken.

Wie lange die Mühle in dieser Form bestand, ist unklar. Eine Beschreibung von 1835 erwähnt jedenfalls nur noch vier Mühlgänge. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde der Betrieb dann ganz eingestellt; um 1880 kam es schließlich zur Umwandlung der Mühle in eine Spiritusfabrik, die mit Unterbrechungen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bestand. Dazu wurden an den beiden südlichen Ecken des Gebäudes hohe, gemauerte Schornsteine hinzugefügt, von denen einer immerhin noch bis 2012 bestand. Er wurde erst im Zuge der jüngsten Instandsetzungsmaßnahmen abgebrochen. Ich bin mir ehrlich gesagt nicht ganz sicher, ob ich diese Maßnahme für gut befinden soll. Denn mit der Entfernung des Fabrikschornsteins ging auch ein Teil der langen Geschichte des Bauwerks verloren. So zeugt von der Spiritusbrennerei heute nur mehr der Abdruck eines ebenfalls abgerissenen Zubaus an der südlichen Stirnwand des Westtrakts.

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