Neutor, Steyr (Oberösterreich)

Im Frühjahr habe ich hier die eine oder andere mittelalterliche Stadtbefestigung vorgestellt. Quasi als Nachtrag dazu heute nun ein Stadttor aus der Frühen Neuzeit, das Neutor in Steyr. Es wurde 1576 in der südöstlichen Ecke der Stadtmauer errichtet, nachdem vier Jahre zuvor ein Hochwasser der Enns diesen Abschnitt der Befestigungsanlagen zerstört hatte.

Es handelt sich um einen breitgelagerten Renaissancebau auf winkelförmigem Grundriss. Nach außen zeigt es an Süd- und Ostseite je eine fünfachsige Fassade. Die Kanten sind durch Eckquader betont, die drei Geschoße durch durchlaufende Gesimse voneinander abgesetzt.

Die Ostseite des Torbaus liegt direkt an der Enns. Hier befindet sich auch das eigentliche Portal, das früher den Hauptzugang zur Stadt bildete. Ursprünglich befand sich an dieser Stelle eine Brücke, die jedoch in den 1970er-Jahren abgetragen wurde, da sie verkehrstechnisch nicht mehr adäquat war. Stattdessen wurde an der Südseite des Torbaus zum Land hin eine für den Autoverkehr geeignete Durchfahrt ausgebrochen, über die man zur weiter südlich gelegenen Schönauer Brücke gelangt.

So ist ein etwas kurioser Effekt entstanden, denn das alte Stadttor öffnet sich nun quasi ins Nichts. Nur eine schmale Plattform gibt es hier anstelle der früheren Brücke, sodass man immerhin den Blick auf den Fluss genießen kann.

Das eigentliche Portal ist dreiteilig: in der Mitte ein rundbogige Durchfahrt, links und rechts schmälere Durchgänge für Fußgänger. Das Ganze hat eine eckige Rahmung aus grob behauenen Quadern. Diese signalisieren einerseits eine gewisse Wehrhaftigkeit, entsprechen in ihrer roh wirkenden Gestaltung aber auch dem Zeitgeschmack. Im Zusammenspiel aus rauer Oberfläche und teilweise gelängten Proportionen tritt der zeittypische Manierismus zutage.

Wie schon bei den mittelalterlichen Stadttoren gilt auch hier, dass es sich nicht um einen reinen Zweckbau, sondern auch um repräsentative Herrschaftsarchitektur handelt. Dieser Aspekt wird in diesem Fall auch durch die Bemalung unterstrichen. Direkt über dem Tor erblickt man zwei mächtige Adler: rechts ein einfacher Adler mit dem österreichischen Wappen im Brustschild, links dagegen ein Doppeladler mit Szepter und Schwert in den Fängen und der Ordenskette vom Goldenen Vlies, die um den Brustschild gelegt ist. Im Schild selbst sieht man eine Kombination des österreichischen Bindenschilds mit den Familienwappen der Häuser Habsburg und Lothringen. Diese spezifische Zusammensetzung wurde meines Wissens erst im 19. Jahrhundert zum offiziellen Wappen des Österreichischen Kaisertums. Auf jeden Fall ist sie nicht vor der Eheschließung zwischen Maria Theresia und Franz Stephan von Lothringen 1736 denkbar. D. h., das über dem Neutor prangende Wappen kann in seiner jetzigen Form nicht dem Originalbestand des 16. Jahrhunderts entsprechen, sondern wurde wohl im 19. Jahrhundert auf den damals aktuellen Stand gebracht.

Unterhalb der beiden heraldischen Adler, direkt über der mittleren Durchfahrt findet sich in einer eleganten Kartusche noch eine vierzeilige lateinische Inschrift. Die beiden ersten Zeilen verweisen auf die Flutkatastrophe und die Zerstörungen des Jahres 1572, die dritte und die vierte Zeile auf den Wiederaufbau 1576. Die Jahresangaben sind dabei in Form eines Chronogramms im Text versteckt. D. h., die Buchstaben, die auch römische Ziffern darstellen, sind in Rot hervorgehoben – zählt man sie zusammen, erhält man die beiden genannten Jahreszahlen.

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Pirkershausen-Mausoleum, Wolfsberg (Kärnten)

Als Abschluss der kleinen Mausoleums-Serie ein neobarocker Grabbau, der im Gegensatz zu den beiden vorigen Beispielen nicht im dörflichen, sondern im kleinstädtischen Ambiente entstand. Die „Familien Pirker und Anton v. Pirkershausen“, deren Name in goldenen Lettern über dem Portal angebracht ist, gehörten zur großbürgerlichen Elite Wolfsberg, die enge Beziehungen nach Wien und Graz unterhielt. Mehrere Wolfsberger Familien ließen sich in den Jahren um 1900 von Wiener und Grazer Architekten prachtvolle Villen in Hanglage über dem Ort errichten, und meist auch gleich noch ein aufwändiges Grabdenkmal am örtlichen Friedhof. So ist das Pirkershausen-Mausoleum in seiner Umgebung deutlich weniger isoliert als die vorigen Beispiele. Man kann es zwar durchaus als den bedeutendsten Grabbau des Wolfsberger Friedhofs bezeichnen, aber das von Fellner & Helmer entworfene Grabmonument der Familie Heyrowsky (mit einer Skulpturengruppe Rudolf Weyrs) macht ihm diesen Rang ernsthaft streitig…

Unbestreitbar ist jedenfalls, dass die Familie Pirker bzw. später Anton von Pirkershausen zu den bedeutendsten der Stadt zählte. Der 1881 verstorbene Handelsmann und Realitätenbesitzer Wolfgang Pirker hatte bei seinem Tod das Amt des Wolfsberger Bürgermeisters inne. Seine Tochter und Erbin, Josefine Pirker, heiratete 1892 den k. u. k. Fregattenkapitän Franz Anton. Dieser hatte sich als junger Offizier unter Admiral Tegetthoff im Seegefecht bei Helgoland und in der Schlacht bei Lissa hervorgetan und legte eine beachtliche Karriere in der österreichisch-ungarischen Kriegsmarine hin. Bei seiner Pensionierung hatte er es bis zum k. u. k. Linienschiffkapitän und zu zahlreichen Auszeichnungen gebracht. Unmittelbar nach seiner Hochzeit mit Josefine Pirker wurde ihm vom Kaiser sogar das Adelsprädikat „von Pirkershausen“ verliehen.

Im Lauf der Jahre gab die Familie mehrere repräsentative Bauwerke in Auftrag. Anna Pirker – die Witwe Wolfgangs und Mutter Josefines – ließ etwa 1888 eine mehr als ansehnliche Villa in bester Hanglage über Wolfsberg errichten. Der Grazer Architekt Friedrich Sigmundt (1856–1917), der auch kurz im Atelier Otto Wagners in Wien gearbeitet hatte, entwarf den Bau im Stil der Neo-Renaissance. Acht Jahre später, 1896, ließ Josefine von demselben Architekten ein Stadtpalais in Graz planen, diesmal in neobarocken Formen.

Es erscheint vor diesem Hintergrund nicht abwegig, in Sigmundt auch den Entwerfer des Wolfsberger Mausoleums der Familie zu vermuten. In den neobarocken Details bestehen durchaus Ähnlichkeiten zum Grazer Stadtpalais, auch wenn die unterschiedliche Bauaufgabe einen direkten Vergleich erschwert. Ein sicherer Nachweis über den Architekten des Mausoleums scheint leider nicht vorhanden zu sein, und auch zur Bauzeit liegen keine konkreten Daten vor. In der Regel wird sie vage mit „um 1900“ angegeben. Möglicherweise gab erst der Tod des k. u. k. Linienschiffkapitäns Franz Anton von Pirkershausen selbst im Jahr 1906 den Anlass zur Errichtung des Grabbaus. Als seine Frau Josefine 1936 starb, heißt es jedenfalls in einem Nachruf, dass sie es war, die das Mausoleum „zur Ehrung ihrer Lieben schuf“ (Freie Stimmen, Do., 6. Aug. 1936, S. 3).

Der qualitätvolle Bau auf quadratischem Grundriss, wird von einer niedrigen, etwas gedrückt wirkenden Kuppel bekrönt. Am unteren Ansatz der Kuppel sind ovale Fensteröffnungen eingefügt, die ein wenig an die Wiener Karlskirche erinnern. Während die Seitenwände und die Rückwand des Mausoleums relativ schlicht und massiv gehalten sind, ist die Hauptfassade mit reichem bauplastischem Dekor versehen. Ein baldachinartiger Portikus steigert die Pracht dieser Schauseite noch zusätzlich.

An den Ecken dieses Portikus’ tragen geflügelte Karyatiden Dach und Gebälk und halten Blumenkränze in den emporgehobenen Händen. Diese dynamischen weiblichen Figuren passen zwar zur barocken Üppigkeit des Bauwerks, ihre nackten Oberkörper wirken im Rahmen des Friedhofs aber doch ein klein wenig befremdlich.

Züchtiger geben sich dagegen die Relieffiguren, die links und rechts vom Portal in flache Nischen eingepasst sind. Links erblickt man einen antikisierenden Genius mit zu Boden gesenkter, erlöschender Fackel: ein aus der Antike entlehntes Trauermotiv, das im Klassizismus der Zeit um 1800 wieder aufgegriffen wurde und sich in der Folge großer Beliebtheit als Grabschmuck erfreute. Rechts hingegen ist ein Engel mit Posaune in den Händen dargestellt, wie bereit, um mit dem Instrument die Toten zur Auferstehung und zum Jüngsten Gericht zu rufen.

In formaler Hinsicht sind diese beiden Figuren klar als Pendants gestaltet, die einander in ihrer ganzen Haltung ähneln. Inhaltliche hingegen bilden sie ein Gegensatzpaar, das heidnisch-antike und christliche Tradition kontrastierend gegenüberstellt. Dass die eine Figur zu Boden blickt, die andere jedoch die Augen zum Himmel erhoben hat, legt aber doch nahe, dass sie nicht als gleichwertige Optionen zu werten sind. Vielleicht soll auch der Genius die diesseitige Trauer (der Angehörigen) symbolisieren, der Engel hingegen die Hoffnung auf Erlösung und ewiges Leben im Jenseits…

Anders als bei den Mausoleen, die in den vorigen Beiträgen besprochen wurden, gibt es hier also ein figürliches Skulpturenprogramm, das der Architektur inhaltliche Bedeutung verleiht. Auch im nicht zugänglichen Inneren des Bauwerks gibt es übrigens Skulpturenschmuck, nämlich eine Pietà sowie Büsten prominenter Familienmitglieder. Sie stammen vom Klagenfurter Bildhauer Josef Kassin.

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Freißler-Mausoleum, St. Lorenzen bei Knittelfeld (Steiermark)

Im zweiten Teil der Mausoleums-Serie geht es heute ins steirische Murtal, genauer gesagt auf den Friedhof von St. Lorenzen bei Knittelfeld, wo sich die Grabkapelle der Familie Freißler erhebt. Sie wurde vom Großgrundbesitzer und Gemeindevorsteher Josef Freißler und seiner Frau Marie in Auftrag gegeben. Gleichzeitig stifteten die beiden auch das monumentale Friedhofskreuz. Ende Oktober 1902 – also gerade rechtzeitig für Allerheiligen – wurden sowohl das Kreuz als auch das Mausoleum feierlich eingeweiht. Letzteres wirkt er auf dem kleinen Ortsfriedhof allerdings ein wenig verloren, fast wie ein Fremdkörper. In eine der hinteren Ecken platziert und hart von der Umfassungsmauer bedrängt, hat es nur wenig Raum, um seine Wirkung voll zu entfalten. Aus der Nähe betrachtet, entpuppt es sich aber als ein echtes Schmuckstück…

Das Freißler-Mausoleum wurde in neugotischer Formensprache erbaut. Die Gotik galt im Historismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts als ein besonders christlicher Baustil und wurde daher gerne für Kirchen oder eben für Grabbauten verwendet. Entsprechend groß ist die Zahl neugotischer Mausoleen, die damals errichtet wurden. Jenes der Familie Freißler ist, wie ich finde, ein besonders schönes Exemplar…

Auf den ersten Blick wirkt es wie eine einfache Kapelle auf längsrechteckigem Grundriss mit Giebelfassade an der Vorder- und polygonal gebrochener Apsis an der Rückseite. Tatsächlich ist die Konstruktion aber komplexer, denn es gibt an den Seiten flache Anbauten. So erhält der Grundriss die Gestalt eines griechischen Kreuzes (mit Apsis). Die seitlichen Anbauten haben zudem eigene, deutlich akzentuierte Dächer, die auch in der Frontansicht sichtbar sind, sodass im Zusammenspiel mit Wasserspeiern, Dachknäufen und Fialen eine reich gegliederte Dachlandschaft entsteht.

Der untere Teil des Mausoleums ist massiv gemauert und weitgehend schmucklos. Ornamentale Verzierungen findet man hier nur in den Eisengittern des Portals und in den Buntglasscheiben der Seitenfenster. Ganz anders die Dachzone, die durch ein durchlaufendes Gesims vom Unterbau abgegrenzt ist: Hier herrscht ornamentaler Überschwang, hier ist alles mit dekorativer Bauskulptur überzogen.

So ist über dem Portal ein spitzbogiges Relieffeld angebracht, in dem zwei Inschriftenbänder den Namen der Besitzerfamilie präsentieren. Den Hintergrund aber bildet ein üppig blühender Rosenstock, der in stark plastischem Relief herausgearbeitet ist.

Über diesem Feld bildet ein von Fialen flankierter Wimperg den oberen Abschluss der Hauptfassade. Seine äußeren Ränder sind jedoch nicht wie üblich mit blattförmigen Krabben besetzt, sondern ebenfalls mit aufgeblühten Rosen aus Stein.

Rosenblüten und ähnliche vegetabile Zierelemente sprießen auch an anderen Teilen des Mausoleums. Man findet sie etwa als Reliefs an den Seitenfassaden, aber auch in den Buntglasscheiben der Fenster. Ja selbst im Ziergitter des Portals wird dieses Motiv aufgegriffen.

Man fragt sich hier unweigerlich, ob das Auftraggeberpaar einfach eine Vorliebe für Rosen hatte – oder ob sich hinter deren auffälliger Häufung vielleicht doch eine symbolische Aussage verbirgt. Denn der Rose wurden (und werden) ja traditionell verschiedenste Bedeutungen zugeschrieben: Im Christentum etwa ist sie ein wichtiges Mariensymbol (man denke nur an den Rosenkranz), im Begräbniskontext gilt sie auch als Zeichen der über den Tod hinausgehenden Liebe.

Was auch immer der Grund für die vielen Rosen sein mag: Sie tragen ganz wesentlich zum reichen Erscheinungsbild des Grabbaus bei und machen das Freißler-Mausoleum zu einem der bemerkenswertesten seiner Art.

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