Wienertor, Hainburg an der Donau (Niederösterreich)

Wie im vorigen Beitrag angekündigt, geht es heute um das Wienertor in Hainburg, das den westlichen Ein- bzw. Ausgang der Stadt bewacht(e). Es ist das vielleicht bekannteste mittelalterliche Stadttor des Landes und mit einer Höhe von rund 20 Metern eines der größten nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa.

Errichtet wurde der wehrhaft wirkende Bau in der Spätphase der babenbergischen Herrschaft, zwischen 1225 und 1250, am ehesten wohl zwischen 1230 und 1240. Die genaue Datierung ist allerdings, wie so oft, umstritten. Als sicher kann gelten, dass das Wienertor einige Jahre jünger ist als die um 1220 begonnene Stadtmauer, also nachträglich hinzugefügt wurde. Nur die unteren Geschosse stammen allerdings von diesem ursprünglichen Bau der Babenbergerzeit. Die Obergeschosse und das Dach kamen nochmal einige Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte später dazu. Erst um 1500 erlangte das Tor sein heutiges Aussehen (plus/minus einiger kleiner Veränderungen).

In seiner ursprünglichen Gestalt bestand das Wienertor aus einer Durchfahrtshalle, die von zwei Rundtürmen flankiert wird. Wie das im Osten der Stadt gelegene Ungartor wurde es an der Feldseite mit Buckelquadern verkleidet, die ihm einen wehrhaften Eindruck verleihen. Auch die schmalen, übermannshohen Schießscharten (für Langbogen) waren wohl mehr darauf ausgelegt zu imponieren, als tatsächlich zu militärischen Zwecken verwendet zu werden.

Es ist gut möglich, dass in dieser Gestaltung Anregungen der zeitgenössischen Befestigungsarchitektur Frankreichs aufgegriffen wurden, wo man ähnliche Portalanlagen findet. Andererseits gibt es aber auch Parallelen zu Bauten, die unter Kaiser Friedrich II. in Süditalien errichtet wurden. Allen voran wäre hier das Brückentor in Capua zu nennen, das 1234 begonnen wurde. Nicht auszuschließen, dass der Kaiser sogar direkt mit der Errichtung des Hainburger Stadttors zu tun hatte. Sie steht vielleicht in Zusammenhang mit seinen Bemühungen, die Grenze des Hl. Römischen Reiches gegen Ungarn mit einer durchgehenden Linie von befestigten Burgen und Städten zu sichern.

Nach Italien könnte auch ein Detail der Toranlage weisen: In den Zwickeln links und rechts des Portals sind steinerne Ritterfiguren eingefügt, gleichsam ideale, unverrückbare Torwächter. Auch für diese Relieffiguren wurde in der Forschung der Skulpturenschmuck am Brückentor in Capua als mögliches Vorbild ins Spiel gebracht.

Allerdings spricht manches dafür, dass die steinernen Torwächter in Hainburg nicht zum ursprünglichen Konzept gehören, sondern eine spätere Zugabe sind. Es ist nämlich deutlich erkennbar, dass sie nachträglich in den Mauerverband eingefügt wurden. Möglicherweise geschah das erst, als das Tor in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts aufgestockt wurde.

Dieser zweiten Bauphase verdanken sich, wie schon angedeutet, die oberen Geschoße der Toranlage. An der Feldseite wurde dabei der Bereich zwischen den Rundtürmen mit einer Spitzbogenkonstruktion überwölbt. So entstand eine Art Schacht über bzw. vor dem Torweg, der oben offen war. Dadurch wurde es möglich, hier Steine und dergleichen auf Angreifer hinunterzuwerfen. Nach vorne sind die oberen Geschoße durch eine einheitliche gerade Wand abgeschlossen; die seitlichen Türme treten hier nicht mehr als eigene Baukörper in Erscheinung. Wie sich anhand von Balkenlöchern und ähnlichen Spuren rekonstruieren lässt, war an der Wand über dem Spitzbogen ein hölzerner Wehrgang angebracht. Den oberen Abschluss des befestigten Tors bildete eine zinnenbesetzte Wehrplattform.

Zeitlich ist diese Ausbauphase wohl in den 1260er-Jahren anzusetzen, denn einer der dabei verwendeten Balken konnte dendrochronologisch auf 1266 datiert werden. Sie fällt somit bereits in die Regierungszeit von Ottokar II. Přemysl.

In den Jahren um oder bald nach 1500 kam es schließlich zu einer weiteren maßgeblichen Umgestaltung. Damals wurde dem Wienertor das hohe Dach aufgesetzt, das seine Erscheinung bis heute prägt. Gleichzeitig wurde das Tor durch einen (nicht erhaltenen) Zwinger verstärkt. Dafür wurde der hölzerne Wehrgang entfernt. An seiner Stelle wurden im oberen Wandbereich sechs Kanonenkugeln unterschiedlicher Größe in unregelmäßiger Anordnung eingemauert. Vermutlich stammen sie von einer der Belagerungen Hainburgs durch den ungarischen König Matthias Corvinus im späten 15. Jahrhundert. Dass man Kanonenkugeln auf solche Art in Festungsbauten einfügte, war am Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit relativ weit verbreitet. Es sollte apotropäische Wirkung haben – und Angreifern wohl signalisieren, dass man sich auch vor so neumodischen Erfindungen wie der Artillerie nicht fürchtete.

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Stadtbefestigung, Hainburg an der Donau (Niederösterreich)

Zuletzt ging es hier um die mittelalterliche Stadtbefestigung von Marchegg, insbesondere die Reste von zweien ihrer Tore, dem Wiener Tor im Westen der Stadt und dem Ungartor im Osten. Ursprünglich gab es aber noch ein drittes, das nach Süden führende Groißenbrunner Tor. Alternativ wurde dieses allerdings auch als Hainburger Tor bezeichnet, denn verlässt man Marchegg in diese Richtung, gelangt man (mit dem Auto) in einer Viertelstunde nach Hainburg an der Donau. Hier kann man mit dem Besichtigungsprogramm gleich direkt fortfahren, denn auch hier haben sich große Teile der alten Stadtmauer erhalten.

Ja, wenn man ehrlich ist, muss man zugeben: Die Befestigungsanlagen Hainburgs lassen jene in Marchegg alt ausschauen. Allerdings nur metaphorisch gesprochen. De facto nämlich sind die Hainburger Mauern um einige Jahrzehnte älter. Sie sind auch größer, höher und besser erhalten. Anders gesagt: Die Stadtmauer von Marchegg mag eine bedeutende Stellung in der österreichischen Architekturgeschichte einnehmen, jene von Hainburg hingegen zählt zu den beeindruckendsten Anlagen ihrer Art in ganz Europa.

In Hainburg bestand seit dem Hochmittelalter eine Wehranlage, die, in strategischer Position an der Donau, die Grenze zu Ungarn sicherte. Unter Herzog Leopold VI. (1176–1230) wurde diese zur Burgstadt ausgebaut. Der Überlieferung zufolge wurden Teile des Lösegeldes für Richard Löwenherz zur Finanzierung des Projekts herangezogen. So wurde in den Jahren unmittelbar nach 1220 die über der Stadt gelegene Burg verstärkt und von dieser ausgehend eine im Grundriss annähernd dreieckige Stadtbefestigung angelegt.

Halterturm

Die Mauern erstrecken sich über eine Länge von insgesamt etwa 2,5 Kilometer und sind zusätzlich durch Türme befestigt. Ursprünglich waren es 22 an der Zahl, heute sind noch 15 davon übrig. Der höchste davon ist der fünfgeschossige Halterturm an der Ostseite der Stadt. Er wird von einem Zinnenkranz bekrönt und entspricht so ganz der (heutigen) Idealvorstellung eines mittelalterlichen Wehrturms.

Sog. „Haus der Theodora“

Unmittelbar daneben und baulich mit der Stadtmauer verbunden, befinden sich die Reste des sog. Hauses der Theodora. Der Name bezieht sich auf die Frau Herzog Leopolds, die byzantinische Prinzessin Theodora Angeloi, die hier 1225/1226 gelebt haben soll. Im Bereich dieses Hauses findet man Fragmente spätromanisch-frühgotischer Biforenfenster, die von seinem repräsentativen Anspruch zeugen.

Wasserturm/Götzenturm

Ähnliche Fensterformen begegnen aber auch an anderen Stellen der Befestigungsanlage, etwa am polygonalen Wasserturm, der die zur Donau hin gelegene Nordostecke der Stadtmauer markiert. Er wird auch Götzenturm genannt, da er den letzten Rest des sog. Götzenhofes bildet. Dabei handelte es sich um die Stadtresidenz der Herren von Röthelstein, die in die Stadtbefestigung integriert war. Wie die Biforenfenster im Obergeschoß des Turmes zeigen, diente er aber ebenfalls nicht ausschließlich Wehrzwecken.

„Opus spicatum“

Auch ansonsten bieten die Hainburger Mauern manches interessante Detail. Beim Haus der Theodora kann man zum Beispiel noch gut ein Stück Mauerwerk erkennen, das als opus spicatum (lat. ‚Ährenwerk‘) errichtet wurde. Bei dieser seit der Antike bekannten Mauertechnik werden flache Steine oder Ziegel schräg gegeneinander gestellt, sodass ein ähren- oder fischgrätenartiges Muster entsteht. Im Mittelalter wurde diese Konstruktionsweise vor allem für Füllmauerwerk bei Schalenmauern verwendet, da sie weniger fest und stabil ist als Quadermauerwerk. Dafür war sie jedoch kostengünstiger, da die Steine weniger aufwändig zurechtgehauen werden mussten.

Fischertor

Die eigentlichen Highlights der Befestigungsanlage bilden wie in Marchegg allerdings auch in Hainburg die alten Stadttore. Drei von ihnen sind noch erhalten. Das am wenigsten spektakuläre ist das Fischertor. Im späten 13. Jahrhundert errichtet, ist es auch das jüngste. Es ist auch deutlich kleiner und weniger aufwändig gestaltet als die anderen Stadttore, da es nicht an der Hauptstraße lag und quasi nur dem Hausgebrauch diente: Wie der Name schon suggeriert, bildet es den Aus- und Eingang der Stadt zur Donau hin.

Ungartor

Ungleich monumentaler präsentiert sich das älteste der Tore: das Ungartor im Osten der Stadt. Es wurde um 1230 als turmartiger Baublock errichtet. Nach außen, auf der Feldseite, wurde es dabei mit Buckelquadern verblendet. So entstand eine Schaufassade, die Wehrhaftigkeit signalisierte. Man darf darin wohl einen bewusst gesetzten Imponiergestus des Herzogs sehen. – Ende des 13. Jahrhunderts wurde das Ungartor noch um ein Geschoß erhöht und oben mit einer Zinnenplattform abgeschlossen.

Ungartor

Doch auch das Ungartor bildet noch nicht den eigentlichen Höhepunkt der Hainburger Stadtbefestigung. Es wird noch übertroffen von seinem Pendant am westlichen Ausgang der Stadt, dem Wienertor. Dieses hat, wie ich finde, jedoch einen eigenen Beitrag verdient. Mehr dazu also in den nächsten Tagen …

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Stadtbefestigung, Marchegg (Niederösterreich)

Ungartor

Wie schon in den letzten beiden Posts geht es heute noch einmal nach Marchegg, diesmal allerdings bis ganz zurück an den Anfang der Stadtgeschichte: Marchegg wurde 1268 von Ottokar II. Přemysl (um 1232–1278) – damals König von Böhmen sowie Herzog von Österreich und Steiermark – gegründet. Wie der Name schon verrät, liegt der Ort an der March, dem Grenzfluss zur Slowakei (die bis 1918 zum Königreich Ungarn gehörte). Die neue, befestigte Stadt sollte nicht zuletzt der Sicherung der Grenze dienen, denn acht Jahre zuvor, im Juli 1260, hatte Ottokar an dieser Stelle in der Schlacht bei Groißenbrunn einen militärischen Einfall der Ungarn zurückschlagen müssen.

Südwestecke der Stadtmauer

So entstand auf einem Grundriss in Form eines leicht verzogenen Quadrats eine durchgeplante Stadtanlage, die zum Schutz mit einer acht Meter hohen, insgesamt drei Kilometer langen Mauer umgeben wurde. Der Bau der Befestigung wurde wohl unmittelbar im Gründungsjahr 1268 begonnen. An der Nordseite, wo die March und der einmündende Mühlbach natürliche Barrieren bildeten, kam zur Verstärkung noch ein Kastell – das heutige Schloss – dazu.

Aufgrund seiner Ausdehnung gilt Marchegg als die größte mittelalterliche Gründungsstadt Niederösterreichs. Wie sich herausstellte, war sie allerdings deutlich zu groß konzipiert und erlangte nie ganz die erhoffte Bedeutung: Bis zum heutigen Tag sind weite Flächen innerhalb der Mauern unverbaut geblieben und werden landwirtschaftlich genutzt. Ergänzungen oder Erweiterungen der Stadtmauer, wie sie andernorts vorkommen, waren hier also nie notwendig, sodass der Mauerring nach wie vor im Umfang des 13. Jahrhunderts erhalten ist, auch wenn er im Lauf der Zeit naturgemäß ein wenig gelitten hat und stellenweise deutliche Verfallserscheinungen zeigt.

Südseite der Stadtmauer

Den augenscheinlichsten Verlust bilden die drei früheren Stadttore, die als Verkehrshindernisse beseitigt wurden. Ursprünglich bestanden sie jeweils aus einem Torbau auf rechteckigem Grundriss, der zusätzlich durch einen Rundturm geschützt wurde. Letzterer diente wohl als Stiegenhaus, aber auch als Unterkunft der Torwächter. Diese Kombination aus Torbau und flankierendem Turm war charakteristisch für Befestigungsanlagen unter Ottokar II.

Wiener Tor

Wenngleich in Marchegg die eigentlichen Stadttore abgetragen wurden, haben sich doch zwei der dazugehörigen Rundtürme erhalten. Besonders jener des ehemaligen Wiener Tors im Westen präsentiert sich noch in weitgehend intaktem Zustand. (Das hohe Kegeldach ist allerdings eine Rekonstruktion des 20. Jahrhunderts.) An seiner straßenseitigen Außenwand, im Bereich der ehemaligen Tordurchfahrt, gibt es sogar noch Reste von Sitznischen, die von spitzen gotischen Kleeblattbögen überfangen werden. Aufgrund des veränderten Bodenniveaus ist von ihnen aber nur mehr der obere Abschluss sichtbar, der untere Teil steckt hingegen in der Erde.

Wiener Tor

Die einstige Höhe dieser Nischen kann man hingegen am Ungartor an der Ostseite der Stadt nachvollziehen, denn auch dort ist noch eine vergleichbare Wandvertiefung vorhanden. Die Bekrönungen dieser Sitzarkaden erinnern in formaler Hinsicht an Architekturdetails in böhmischen Königsburgen Ottokars II., etwa in Písek oder Zvíkov.

Ungartor

Am Marchegger Ungartor gibt es aber noch ein weiteres bemerkenswertes Detail: Im Obergeschoß des auch hier noch vorhandenen Rundturms ist ein Fenster mit gotischem Maßwerk erhalten, das zu den ältesten seiner Art in Österreich zählt.

Ungartor

Details wie diese machen deutlich, dass die ottokarische Stadtbefestigung mehr war als eine bloß funktionale Wehranlage. Insbesondere die Torbauten hatten durchaus repräsentativen Anspruch und erinnern daran, dass Militärarchitektur in aller Regel auch Herrschaftsarchitektur ist.

 

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