Aufbahrungshalle, Rotenturm an der Pinka (Burgenland)

Will man sich einen Überblick über die architektonischen Strömungen im Burgenland der 1970er-Jahre verschaffen, braucht man eigentlich nur die Friedhöfe des Landes abklappern. Denn nachdem die Landesregierung Ende 1969 den Bau moderner Aufbahrungshallen verpflichtend vorgeschrieben hatte, entstanden im folgenden Jahrzehnt landauf, landab rund 300 solcher Bauten. Gewiss, der überwiegende Teil davon wurde in sehr einfachen Formen von ortsansässigen Baumeistern und Handwerkern errichtet und genügt eher funktionalen als ästhetischen Ansprüchen; – doch auch viele von den namhaften Architekten, die das burgenländische Baugeschehen jener Zeit prägten, haben die eine oder andere Aufbahrungshalle geplant. Allen voran wären hier Josef Patzelt und Matthias Szauer zu nennen, aber auch der in Oberwart ansässige Wolfgang Gimbel.

Von Letzterem stammt die 1975–1976 errichtete Leichenhalle in Rotenturm an der Pinka, ein außergewöhnlicher Bau, der zurecht unter Denkmalschutz steht. Während die meisten burgenländischen Aufbahrungshallen auf zentralisierendem Grundriss angelegt sind, präsentiert sich jene in Rotenturm als langgezogener, schmaler Baukörper. Sich über die ganze Breite des Friedhofs erstreckend, bildet sie eine markante Schauwand am Hang.

Die Mitte des dreigeteilten Gebäudes nimmt die eigentliche Aufbahrungshalle ein, links schließen diverse Nebenräume an, rechts eine Art Vorhalle. Diese ist an der Rückseite offen, nach vorne gibt ein die ganze Wandhöhe einnehmendes Fenster den Blick auf die umliegende Landschaft frei.

Die Mauerteile, welche die Fenster rahmen, steigen spitz über das Dach an und bilden eine Art ›gesprengter Giebel‹, wie Gimbel sie zur gleichen Zeit auch an der Kirche in Kohfidisch verwendete. Zusätzlich treten diese Wandstücke leicht nach vor und versetzen die Gebäudefront dadurch in Schwingung.

Ebenso ungewöhnlich wie der Grundriss ist die Materialwahl. Bei den meisten anderen Leichenhallen jener Zeit kommen bevorzugt moderne Baustoffe wie Sichtbeton oder Ytong-Platten zum Einsatz, und auch Gimbel selbst steht an sich deutlich in der Tradition des Brutalismus. Diese tritt zwar auch hier in Rotenturm, vor allem in der Formgebung durchaus in Erscheinung, für den Gesamteindruck fast entscheidender ist jedoch das Material, konkret die Verwendung roter Ziegel. Sie verleihen dem Bau bei aller Modernität etwas Altertümliches, und das ist wohl durchaus beabsichtigt. Denn mehr oder weniger direkt neben dem Friedhof liegt das Wahrzeichen des Ortes, das alte Erdödy-Schloss. 1862–1864 in romantisierenden „maurischen“ Formen errichtet, ist es ebenfalls von Ziegelfassaden geprägt. Durch die Wahl des Materials tritt hier das Neue mit dem Alten in einen visuellen Dialog, denn vom Eingang des Friedhofs hat man beide Bauwerke im Blick; und auch wenn man im Friedhof direkt über der Leichenhalle steht, ist das Schloss, wenn auch etwas von Bäumen verdeckt, noch sichtbar.

Veröffentlicht unter Burgenland | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Kornmesserhaus, Bregenz (Vorarlberg)

Zu Beginn des neuen Jahres ein alter Bekannter: Der Vorarlberger Barockbaumeister Franz Anton Beer (1688–1749), der vor allem die Bregenzer Architektur in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts maßgeblich prägte. Auf ihn geht etwa die 1737 begonnene Umgestaltung der Stadtpfarrkirche St. Gallus zurück, von der hier vor einiger Zeit bereits die Rede war. Schon fast zwei Jahrzehnte zuvor, nämlich 1720, errichtete Beer für sich selbst ein repräsentatives Wohnhaus am Rand der (Alt-)Stadt, an der Straße nach Lindau. Es ist heute als Kornmesserhaus bekannt, weil darin später eine Zeitlang die Kontrollbeamten des nahe gelegenen Kornmarkts untergebracht waren.

 

Das freistehend errichtete Gebäude ist außen durch Pilaster mit auffälliger hoher Kämpferzone gegliedert. An der zur Straße gelegenen Front wies es zwei Rundbogenportale auf, die jeweils von einer kleinen Figurennische bekrönt wurden bzw. immer noch werden. Allerdings ist eines der Portale heute vermauert und zu einem Fenster umgewandelt. Seine ursprüngliche Rahmung ist jedoch nach wie vor vorhanden, sodass auch der symmetrische Charakter der Fassade weitgehend gewahrt bleibt.

Bei einer 2005 durchgeführten Restaurierung wurde auch die ursprüngliche Farbigkeit wiederhergestellt: Die Wandflächen am Außenbau sind in einem leicht gebrochenen Weiß gehalten, der Sockel, die Pilaster, Tor- und Fensterrahmen hingegen in Grau. So entsteht ein eleganter, fast schon klassizistisch anmutender Eindruck, mit dem der Baumeister wohl durchaus zufrieden war: Denn noch als er in den 1740ern ein Amtshaus für das Kloster Mehrerau bei Bregenz schuf, wiederholte er den Entwurf seines eigenen Wohnhauses fast eins zu eins. Gemeinsam ist den beiden Gebäuden übrigens auch, dass sie heute alle zwei als Gasthaus genutzt werden. Zumindest im Gasthaus Kornmesser habe ich auch schon selber einmal gespeist und kann es wärmstens weiterempfehlen, aber das nur nebenbei…

Veröffentlicht unter Vorarlberg | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Bürgerhäuser, Kittsee (Burgenland)

Der Ortskern von Kittsee wird dominiert vom 1902 gegründeten Krankenhaus. Die darum herum gelegenen Bürger- und Bauernhäuser bieten wenig architektonisch Interessantes: Zwar weisen einige davon noch alte Bausubstanz auf, doch sind ihre Fassaden auf eine Art und Weise erneuert, die sie weitgehend ‚gesichtslos‘ gemacht hat. Eine Ausnahme bilden jedoch zwei nebeneinander gelegene Häuser am Joseph-Joachim-Platz. Rechts, an der Ecke zur Spitalgasse, ein ebenerdiger Hakenhof, der auf das frühe 18. oder sogar noch auf das späte 17. Jahrhundert zurückgeht. Auch hier ist die Fassade stark modernisiert, aber zumindest das Rundbogenportal mit plastischer Kartusche im Scheitel ist noch original erhalten.

Ein recht ähnliches Portal findet man auch am Haus links davon, allerdings etwas feiner gestaltet und einige Jahrzehnte später entstanden.

Das Gebäude selbst ist zweigeschoßig und im oberen Stockwerk durch einen Erker ausgezeichnet. Die Parapete unter den Fenstern zeigen den für die josephinische Epoche so charakteristischen Plattendekor. Alles in allem, ein für das späte 18. Jahrhundert typisches Bürgerhaus, das beinahe kleinstädtisch wirkt.

Allerdings stand Kittsee nie im Rang einer Stadt. Der Ort hatte jedoch seit dem Mittelalter das Marktrecht, dazu kamen die günstige Lage an der österreichisch-ungarischen Grenze zwischen Hainburg und Bratislava sowie ein herrschaftliches Schloss am Ortsrand – alles Faktoren, die Kittsee eine gewisse wirtschaftliche Bedeutung verschafften und Ansätze zu einer Entwicklung in Richtung Kleinstadt begünstigten. So gesehen ist vielleicht gerade die Kombination der beiden Häuser am Joseph-Joachim-Platz, mit ihrem Schwanken zwischen dörflichen und bürgerlich-städtischen Elementen, repräsentativ für das Erscheinungsbild des Ortes im 18. Jahrhundert.

P. S.: Eine Gedenktafel am Erker des linken Hauses erinnert daran, dass hier der seinerzeit berühmte Geigenvirtuose Joseph Joachim (1831–1907) geboren wurde. Nach ihm ist der Platz – eigentlich nicht viel mehr als eine kleine Erweiterung am Ende der Preßburger Straße – heute benannt.

Veröffentlicht unter Burgenland | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen