Novy-Mausoleum, St. Radegund bei Graz (Steiermark)

Sehenswerte Mausoleen der Ringstraßenzeit, wie jenes der Familie Thonet, gibt es nicht nur in Wien. Wer hier schon länger mitliest, wird sich vielleicht an die Exemplare in Hafnerbach und in Adriach bei Frohnleiten erinnern. Drei weitere solcher Grabbauten abseits der Großstadt will ich in den nächsten Wochen vorstellen. Alle drei stammen aus den Jahren um 1900, doch jedes von ihnen zeigt einen ganz anderen Stil. So lassen sich an der kleinen Serie, denke ich, sehr schön die unterschiedlichen Möglichkeiten und Tendenzen der Sepulkralarchitektur zur Zeit des Historismus ablesen.

Den Anfang macht das Mausoleum für Gustav Novy (1831–1896) und seine Familie in St. Radegund bei Graz. Novy war ein aus Böhmen stammender Arzt, der sich auf die Wasserheilkunde spezialisiert hatte. 1864 übernahm er die Leitung der Kuranstalt in St. Radegund, einem damals noch recht verschlafenen Dorf am Fuß des Schöckl, das mehr als lokales Wallfahrtsziel denn als Kurort bekannt war. Novys hervorragender Ruf als Arzt lockte aber bald Patienten aus ganz Europa und teilweise sogar aus Übersee in die Steiermark. Gerade einmal 40 Kurgäste jährlich beherbergte St. Radegund vor seinem Amtsantritt – 20 Jahre später, 1883, waren es schon mehr als 1000. Im selben Jahr wurde Novy zu Ehren unweit des Ortes ein Denkmal in Form eines 20 Meter hohen Obelisken errichtet. Als der Arzt schließlich im Dezember 1896 verstarb, würdigte ihn die nationale Presse als „einen der bekanntesten Hydropathen der Gegenwart.“

Novys Bedeutung wird auch an seinem Mausoleum sichtbar: eine Tempelarchitektur in antikisierenden Formen, mit einem dorischen Säulenportikus an der Stirnseite. Der klare, schlichte, aber doch monumental wirkende Aufbau ruft einem Winkelmanns Phrase von der „edlen Einfalt und stillen Größe“ der Antike ins Gedächtnis.

Möglicherweise war die Wahl des Stils in diesem Fall auch als bewusste Anspielung auf die antiken Wurzeln des Thermalwesens und der Wasserheilkunde gedacht. Andererseits gehören solche Pseudo-Tempelchen zu den Standards bei Grabbauten der Zeit um 1900. Auf einem der großen Wiener Friedhöfe würde so ein antikisierender Bau wohl gar nicht weiter auffallen, da er dort einer von mehreren in ähnlichem Stil wäre. Auf dem kleinen Ortsfriedhof von St. Radegund nimmt das Novy-Mausoleum hingegen eine herausragende Position ein, da es hier das einzige Bauwerk dieser Dimension ist.

Die Wirkung wird noch durch die Lage am höchsten Punkt des ansteigenden Friedhofs gesteigert. Zusätzlich ist der Grabbau durch eine gemauerte Plattform deutlich über das Bodenniveau der Umgebung gehoben. Zum Eingang des Mausoleums führende Stufen erschließen die Plattform, die von einem niedrigen, ornamental durchbrochenen Mäuerchen umfasst wird und so einen eigenen abgegrenzten Bezirk innerhalb des Friedhofs bildet. So wird mit eigentlich sehr einfachen Mitteln ein monumentaler Effekt erzielt, der die herausragende Stellung des Verstorbenen architektonisch zum Ausdruck bringt.

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2 Antworten zu Novy-Mausoleum, St. Radegund bei Graz (Steiermark)

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