Thonet-Mausoleum, Zentralfriedhof, Wien XI

Zu den prachtvollsten Grabmonumenten am Wiener Zentralfriedhof zählt jenes der Familie Thonet, die dank der berühmten Thonet-Stühle bis heute ein Begriff ist. Insbesondere der kurz vor 1860 entwickelte Stuhl Nr. 14 – auch bekannt als Wiener Caféhaus-Stuhl – ist ein Designklassiker. Der 1842 aus Boppard am Rhein eingewanderte Tischler Michael Thonet hatte schon vor seiner Wiener Zeit mit der Produktion von Möbeln aus verleimten und gebogenen Holzleisten begonnen. In der Hauptstadt des Habsburgerreiches verhalfen ihm Arbeiten für das Kaiserhaus und die Fürsten von Liechtenstein und Schwarzenberg zum baldigen Durchbruch. Als er seinen Betrieb 1853 an seine Söhne übergab, war dieser bereits zu einem international erfolgreichen Großunternehmen herangewachsen.

Nach seinem Tod 1871 wurde Michael Thonet zunächst im Familiengrab auf dem St. Marxer Friedhof bestattet. Drei Jahre später wurde dieser Friedhof jedoch geschlossen, und die nächste Generation war gezwungen, auf den neu eröffneten Zentralfriedhof zu übersiedeln. Joseph Thonet, der im August 1887 als erster von Michaels Söhnen verstarb, war das erste Familienmitglied, das dort seine letzte Ruhestätte fand. Wohl in unmittelbarem Anschluss daran begann man mit den Planungen für ein aufwändiges Mausoleum, das den Reichtum und das damit verbundene Ansehen der Familie reflektierte.

Spätestens im April 1888 waren die Pläne für das Monument fertig ausgearbeitet. Damals nämlich berichten mehrere Zeitungen über einen Beschluss des Wiener Gemeinderats, den Gebrüdern Thonet die Bewilligung zur Errichtung eines Familien-Mausoleums „nach dem vorgelegten Plane“ zu erteilen. Ende Oktober desselben Jahres, gerade rechtzeitig für Allerheiligen, war das Bauwerk vollendet. Am 29. Oktober wurden auch Michael Thonet und die anderen in St. Marx bestatteten Angehörigen in die neue Grablege umgebettet.

Der Entwurf der Grabanlage stammt vom Architekturbüro Fellner & Helmer, ausgeführt wurde sie durch die Steinmetzfirma Eduard Hauser. Das Atelier Fellner & Helmer war vor allem auf den Theaterbau spezialisiert. Ein wenig sieht man das auch dem Thonet-Mausoleum an, denn die geschwungene Rückwand verleiht der Anlage etwas Bühnenmäßiges. Die Lage auf einer spitz zulaufenden Eckparzelle (Gruppe 14 B, Nr. 1) kommt diesem Effekt natürlich entgegen. Auf dem 116 Quadratmeter großen Grundstück hat das Monument reichlich Raum zur Entfaltung.

Die weitere Baubeschreibung will ich einem „Gastautor“ überlassen, der das Objekt direkt nach seiner Fertigstellung gesehen hat. Am 1. November 1888 erschien nämlich in der Neuen Freien Presse ein aufschlussreicher Artikel mit der Überschrift Grabdenkmäler auf dem Wiener Central-Friedhofe. Leider ist er nicht namentlich, sondern nur mit den Initialen E. R. gezeichnet. Der unbekannte Autor bedenkt zunächst die Gruppe der Musiker-Denkmäler (Mozart, Beethoven, Schubert) mit lobenden Worten, dann fährt er fort:

„Nur wenige Schritte davon erhebt sich ein Denkmal, das erst in den letzten Tagen vollendet wurde und schon durch seine räumliche Ausdehnung eine hervorragende Bedeutung beanspruchen kann. Es ist das von Fellner und Helmer für die Familie Thonet erbaute Mausoleum, dessen Gruft geräumig genug ist, um nicht weniger als zweiunddreißig Särge aufzunehmen.

Wir haben eine aus edelstem Materiale aufgeführte Tempelhalle vor uns, die mit ihrer reichgegliederten Umfriedung kaum weniger Areale bedeckt, als Weyr’s Denkmal für die Opfer des Ringtheaterbrandes; es ist jedenfalls das größte Denkmal, das bisher von Privaten errichtet wurde. Das Ganze ist in edler Spät-Renaissance gehalten; sechs mächtige Säulen, deren Schäfte aus rothem schwedischen Granit, deren Capitäle und Basen aus Bronze sind, tragen die reich cassetirte Decke.

Das Gebälk und die Verdachung sind aus röthlichgelbem Granit, die mittlere Rückwand ist aus tiefschwarzem Gabbro (einem Marmor, der in der Nähe von Eggenburg gebrochen wird) und enthält eine Nische, für welche der talentvolle Bildhauer Charlemont, der jüngere Bruder der in der letzten Zeit so vielfach genannten Maler, die in Bronze ausgeführte lebenswahre Büste des Gründers der Firma Thonet, Herrn Michael Thonet, modellirt hat.

Die Mitte der Halle füllt ein in grünem schwedischen Granit ausgestalteter, in Bronze reich ornamentirter Sarkophag. Die Unterstufen des Aufbaues sind aus schwarzem böhmischen Granit; die aus lichtem schwedischen Granit gehauenen Pilaster, welche die Hinterwand flankiren, sind von mächtigen Vasen gekrönt, der Tempelgiebel von einer bronzenen Akroterie.

Die Balken der Decke sind aus lichtem Untersberger Marmor, die Füllungen aus grünem schwedischen Granit, die halbkreisförmigen Flankenwände und im Kreise schwingende Umfriedung sind aus weißgelbem Mannersdorfer Kalkstein, sowie auch die an der Flankenwand angebrachten Ruhebänke mit ihren stark profilirten Füßen. Die Bronze des Eingangsgitters und aller Ornamentirung ist leicht getont, so daß sie mit dem ernst-ruhigen Charakter des Ganzen harmonirt.“

So weit also der Bericht der Neuen Freien Presse. Zu ergänzen wäre noch, dass das Ganze die stolze Summe von 40.000 Gulden gekostet hatte. Um dasselbe Geld konnte man damals in Wien auch ein Zinshaus erwerben…

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