Dachreiter, Kartause Marienthron, Gaming (Niederösterreich)

Nun ist es auch schon wieder fast zwei Wochen her, dass Notre-Dame in Paris bei einem Brand schwer beschädigt wurde, und in den Tagesnachrichten dominieren längst wieder die Proteste der „Gelbwesten“ die aktuellen Berichte aus der französischen Hauptstadt. Aber die Bilder des brennenden Kirchendachs werden uns wohl noch lange im Gedächtnis bleiben, insbesondere der dramatische Moment, als der neugotische Dachreiter über der Vierung einstürzte und in den Flammen versank. Der Dachreiter von Notre-Dame war eine mit Blei verkleidete Holzkonstruktion, die 1860 im Rahmen der großangelegten Kirchenrestaurierung durch Eugène Viollet-le-Duc errichtet worden war. Er basierte auf einem mittelalterlichen Original, das 1786 abgetragen worden war, aber in gemalten Ansichten aus der Zeit davor gut dokumentiert ist. Allerdings war die Neuschöpfung Viollet-le-Ducs aufwändiger gestaltet als ihr historisches Vorbild und übertraf dieses in punkto Baudekor deutlich.

Aber auch die Architektur des Mittelalters selbst hat natürlich sehenswerte, reich verzierte Dachreiter zu bieten, und zwar nicht nur in Frankreich, sondern auch hierzulande. Das vielleicht schönste Exemplar des Landes findet man an der Kirche der ehemaligen Kartause Marienthron in Gaming, am Fuße des Ötschers.

Gegründet wurde das Gaminger Kartäuserkloster 1330 von Herzog Albrecht II., der es auch zu seiner Grablege bestimmte. Wie bei anderen Kartausen, die als fürstliche Begräbnisorte dienten, lässt sich hier eine gewisse Spannung zwischen dem herrschaftlichen Repräsentationsanspruch der Stifter und den strengen, asketischen Ordensidealen der Kartäuser konstatieren. So hatte die 1342 geweihte Klosterkirche in Gaming offenbar eine prachtvolle Glasmalerei-Ausstattung, von der allerdings nur eine Scheibe mit dem Stifterbild von Herzog Albrecht und seinen Söhnen erhalten ist (heute in der Sammlung des Stifts St. Florian bei Linz). Albrecht war auch auf einem prächtigen gestickten Antependium dargestellt, dass er für den Altar der Klosterkirche stiftete. Andererseits ist der Bau architektonisch ausgesprochen schlicht gehalten und verzichtet gänzlich auf Bauskulptur. Auch verfügt die Kirche über keinen Turm, da die strengen Ordensregeln der Kartäuser lediglich die einfacheren Dachreiter als Glockenträger erlauben. Wie der Name schon suggeriert, verfügen Dachreiter über keinen Unterbau, sondern sitzen am Dachfirst auf und dürfen dementsprechend nicht zu schwer sein. Sie sind daher zwangsweise deutlich kleiner als ein ‚ausgewachsener‘ Kirchturm und in der Regel aus Holz, um das Gewicht möglichst gering zu halten.

In Gaming erfüllte man zwar dem Buchstaben nach das Turmverbot, holte aber quasi das Maximum aus dem Erlaubten heraus. Der sechseckige Dachreiter über dem Altarraum wurde nicht nur aus Stein erbaut, sondern als einziger Bauteil der Kirche auch reich dekoriert. Sein Sockelgeschoß ist mit Blendmaßwerk verziert, das Glockengeschoß darüber öffnet sich in dreibahnigen Maßwerkfenstern. Oben ist es von einem Kranz aus Wimpergen und Fialen bekrönt; Wasserspeier in Löwenform ragen markant aus der Silhouette hervor. Zuoberst folgt ein gemauerter, krabbenbesetzter Turmhelm, der mit einer Kreuzblume abschließt.

Die vergleichsweise aufwändige Gestaltung dieses ‚Türmchens‘ steht wohl wiederum in Zusammenhang mit der Funktion der Kirche als habsburgische Grablege und dem Repräsentationsanspruch des Stifters. Vermutlich waren es sogar Wiener Werkleute aus dem Umfeld von Albrecht II., die den Gaminger Dachreiter schufen. Jedenfalls gibt es Verbindungen zum (nicht erhaltenen) gotischen Turmabschluss der Michaelerkirche in Wien, der um 1340 mit Unterstützung des Herzogs neu errichtet wurde. Ja, in mancherlei Hinsicht scheint der Dachreiter auch die Turmprojekte von Albrechts Sohn, Rudolf IV., vorwegzunehmen, nämlich den Turm der Wallfahrtskirche Maria Straßengel bei Graz (beg. 1355) und den Südturm des Wiener Stephansdoms (beg. 1359).

Aber auch ohne solche Bezüge wäre der Gaminger Dachreiter natürlich ein wunderbares Stück Architektur, und auch wenn der Ort etwas abgelegen ist: Wenn man einmal, etwa zum Wandern, in der Ötscherregion ist, lohnt es sich auf jeden Fall, einen Abstecher zur alten Kartause einzuplanen.

 

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