Stadtbefestigung, Marchegg (Niederösterreich)

Ungartor

Wie schon in den letzten beiden Posts geht es heute noch einmal nach Marchegg, diesmal allerdings bis ganz zurück an den Anfang der Stadtgeschichte: Marchegg wurde 1268 von Ottokar II. Přemysl (um 1232–1278) – damals König von Böhmen sowie Herzog von Österreich und Steiermark – gegründet. Wie der Name schon verrät, liegt der Ort an der March, dem Grenzfluss zur Slowakei (die bis 1918 zum Königreich Ungarn gehörte). Die neue, befestigte Stadt sollte nicht zuletzt der Sicherung der Grenze dienen, denn acht Jahre zuvor, im Juli 1260, hatte Ottokar an dieser Stelle in der Schlacht bei Groißenbrunn einen militärischen Einfall der Ungarn zurückschlagen müssen.

Südwestecke der Stadtmauer

So entstand auf einem Grundriss in Form eines leicht verzogenen Quadrats eine durchgeplante Stadtanlage, die zum Schutz mit einer acht Meter hohen, insgesamt drei Kilometer langen Mauer umgeben wurde. Der Bau der Befestigung wurde wohl unmittelbar im Gründungsjahr 1268 begonnen. An der Nordseite, wo die March und der einmündende Mühlbach natürliche Barrieren bildeten, kam zur Verstärkung noch ein Kastell – das heutige Schloss – dazu.

Aufgrund seiner Ausdehnung gilt Marchegg als die größte mittelalterliche Gründungsstadt Niederösterreichs. Wie sich herausstellte, war sie allerdings deutlich zu groß konzipiert und erlangte nie ganz die erhoffte Bedeutung: Bis zum heutigen Tag sind weite Flächen innerhalb der Mauern unverbaut geblieben und werden landwirtschaftlich genutzt. Ergänzungen oder Erweiterungen der Stadtmauer, wie sie andernorts vorkommen, waren hier also nie notwendig, sodass der Mauerring nach wie vor im Umfang des 13. Jahrhunderts erhalten ist, auch wenn er im Lauf der Zeit naturgemäß ein wenig gelitten hat und stellenweise deutliche Verfallserscheinungen zeigt.

Südseite der Stadtmauer

Den augenscheinlichsten Verlust bilden die drei früheren Stadttore, die als Verkehrshindernisse beseitigt wurden. Ursprünglich bestanden sie jeweils aus einem Torbau auf rechteckigem Grundriss, der zusätzlich durch einen Rundturm geschützt wurde. Letzterer diente wohl als Stiegenhaus, aber auch als Unterkunft der Torwächter. Diese Kombination aus Torbau und flankierendem Turm war charakteristisch für Befestigungsanlagen unter Ottokar II.

Wiener Tor

Wenngleich in Marchegg die eigentlichen Stadttore abgetragen wurden, haben sich doch zwei der dazugehörigen Rundtürme erhalten. Besonders jener des ehemaligen Wiener Tors im Westen präsentiert sich noch in weitgehend intaktem Zustand. (Das hohe Kegeldach ist allerdings eine Rekonstruktion des 20. Jahrhunderts.) An seiner straßenseitigen Außenwand, im Bereich der ehemaligen Tordurchfahrt, gibt es sogar noch Reste von Sitznischen, die von spitzen gotischen Kleeblattbögen überfangen werden. Aufgrund des veränderten Bodenniveaus ist von ihnen aber nur mehr der obere Abschluss sichtbar, der untere Teil steckt hingegen in der Erde.

Wiener Tor

Die einstige Höhe dieser Nischen kann man hingegen am Ungartor an der Ostseite der Stadt nachvollziehen, denn auch dort ist noch eine vergleichbare Wandvertiefung vorhanden. Die Bekrönungen dieser Sitzarkaden erinnern in formaler Hinsicht an Architekturdetails in böhmischen Königsburgen Ottokars II., etwa in Písek oder Zvíkov.

Ungartor

Am Marchegger Ungartor gibt es aber noch ein weiteres bemerkenswertes Detail: Im Obergeschoß des auch hier noch vorhandenen Rundturms ist ein Fenster mit gotischem Maßwerk erhalten, das zu den ältesten seiner Art in Österreich zählt.

Ungartor

Details wie diese machen deutlich, dass die ottokarische Stadtbefestigung mehr war als eine bloß funktionale Wehranlage. Insbesondere die Torbauten hatten durchaus repräsentativen Anspruch und erinnern daran, dass Militärarchitektur in aller Regel auch Herrschaftsarchitektur ist.

 

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2 Antworten zu Stadtbefestigung, Marchegg (Niederösterreich)

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