Gruftkapelle, Stützenhofen (Niederösterreich)

Die Friedhofs- und Begräbnis-Reform Josephs II. hatte weitreichende Folgen. Ihr verdankt sich bekanntlich die Anlage der Wiener Kommunalfriedhöfe außerhalb des Linienwalls, darunter der bis heute bestehende St. Marxer Friedhof. Indirekt verdankt sich ihr jedoch auch die Errichtung der Gruftkapelle der Grafen Fünfkirchen am kleinen Ortsfriedhof von Stützenhofen im Weinviertel…

Die ursprünglich aus Ungarn stammende Adelsfamilie Fünfkirchen verfügte seit mindestens dem 14. Jahrhundert über Grundbesitz im Weinviertel; mindestens seit dem 15. Jahrhundert diente die Krypta der Pfarrkirche von Stützenhofen als Grablege des Geschlechts. Im 17. Jahrhundert orientierte sich die Familie jedoch mehr und mehr nach Wien, wo ihre Angehörigen am kaiserlichen Hof Fuß fassen konnten. Folge dieses gesellschaftlichen Aufstiegs war zum einen die Erhebung in den Grafenstand 1698, zum anderen die Anlage einer neuen Familiengruft in der Wiener Augustinerkirche, die um dieselbe Zeit erfolgte.

Keine hundert Jahre später musste diese aber auch schon wieder aufgegeben werden, denn 1784 ordnete Joseph II. an, dass aus Hygiene-Gründen nicht nur die innerstädtischen Pfarrfriedhöfe Wiens, sondern auch die Kirchengrüfte geschlossen werden sollten. So verlegten denn die Grafen Fünfkirchen die Familiengrablege wieder nach Stützenhofen zurück – auch dort nun allerdings nicht mehr in die Pfarrkirche, sondern auf den Friedhof am Ortsrand. Damit eine standesgemäße Bestattung möglich war, wurde dort 1824 eine neue Familiengruft angelegt. 1870 schließlich ließ Graf Otto von Fünfkirchen darüber auch noch eine repräsentative Kapelle errichten. Unmittelbarer Anlass waren Tod und Begräbnis seiner Frau Aloysia von Wurmbrand-Stuppach.

Damit wären wir nun nach langer Vorgeschichte endlich bei der Kapelle selbst angekommen – aber allzu viel gibt es über sie in architektonischer Hinsicht eigentlich gar nicht zu sagen. Wie bei Grabbauten jener Zeit üblich, wurden neugotische Formen gewählt. Der Reichtum des gotischen Formenapparats wurde hier jedoch alles andere als ausgeschöpft: Außen wie innen dominieren große, leere Wandflächen, die kaum einmal von architektonischem Dekor unterbrochen werden. Immerhin ist der Außenbau durch abgetreppte gotische Strebepfeiler gegliedert; an der schmalen Eingangswand prangt über dem spitzbogigen Portal das gräfliche Wappen, darüber eine fast miniaturhafte gotische Fensterrose. Zuoberst schließt ein kleiner offener Glockenträger die Fassade ab.

Interessant wird das Gebäude vor allem aufgrund seiner erhöhten Lage, die ihm trotz seiner geringen Größe eine gewisse Monumentalität verleiht. Am oberen Ende des schmalen Friedhofs errichtet, ‚thront‘ die Kapelle gleichsam über dem ansteigenden Gräberfeld. Unterstützt wird dieser Eindruck durch die Zweigeschoßigkeit des Bauwerks: Die eigentliche Kapelle erhebt sich ja über der Familiengruft, deren Zugang dem kleinen Sakralbau vorgelagert ist. Links und rechts vom Grufteingang führen Treppen zum erhöhten Portal der Kapelle. Einerseits eine naheliegende, praktische Lösung. Andererseits ist die doppelläufige Treppe auch ein etabliertes Hoheitsmotiv aus der Schlossarchitektur, das die Bedeutung des Bauwerks betont. So erhält die Gruftkapelle nicht nur durch das Wappen an der Fassade, sondern auch durch die Architektur einen gewissen adeligen Touch.

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