Lungenheilanstalt am Hirschenstein, Rechnitz (Burgenland)

Der heutige Beitrag verdankt sich gewissermaßen einer Dokumentation über Thomas Manns Der Zauberberg (1924), die über Weihnachten im Fernsehen lief. Manns Roman spielt bekanntlich in einer Heilanstalt hoch in den Schweizer Alpen, inspiriert vom Waldsanatorium Schatzalp bei Davos. Nun, auch das Burgenland hat (oder genauer gesagt: hatte) seinen Zauberberg: die ehemalige Lungenheilanstalt am Hirschenstein. Zugegeben, vor allem aus west-österreichischer Perspektive ist ‚Berg‘ vielleicht ein etwas zu hoch gegriffener Ausdruck, wenn es um das Burgenland geht. Aber mit seinen 862 Metern Seehöhe ist der Hirschenstein im Günser Gebirge immerhin die zweithöchste Erhebung des Landes; die Passstraße, die hier heraufführt, besitzt sogar die eine oder andere Kehre, und in schneereichen Wintern kann es schon einmal vorkommen, dass hier Kettenpflicht herrscht.

Ein wenig abseits dieser Straße, auf immer noch 826 Metern Seehöhe, liegt nun das frühere ‚Landessonderkrankenhaus‘, wie es offiziell hieß. Es wurde von 1949 bis 1955 errichtet, um der nach dem Zweiten Weltkrieg weit verbreiteten Tuberkulose entgegenzuwirken. Nach damals modernsten Standards eingerichtet, bot es Platz für 165 Patienten. Auch der Bauplatz war nach therapeutischen Gesichtspunkten ausgewählt, haben doch Höhenluft und Waldesruh’ bei Lungenkrankheiten einen positiven Effekt.

Der Entwurf für das langgestreckte, viergeschoßige Gebäude stammt von Erwin Fabrici (1898–1957), der zunächst in Graz und später in Wien Architektur studiert hatte. In Wien war er auch in der Nachkriegszeit an der Planung des Hugo-Breitner-Hofs beteiligt und entwarf selbständig mehrere Gemeindewohnhäuser. Diese zeigen dieselben klaren, modernen Formen, wie sie auch in der Heilanstalt am Hirschenstein begegnen. Der Bau wird dominiert von kompakten Volumen und geraden Linien, die einerseits dem Geschmack der Zeit entsprachen, andererseits aber auch vergleichsweise kostengünstig zu realisieren waren. Dazu kommt hier eine ausgesprochen großzügige Durchfensterung mit teils auffällig großen Glasflächen, in denen moderne Ästhetik und funktionale Aspekte in idealer Weise zusammentrafen: Auch die Helligkeit der großteils südseitig gelegenen Räume sollte sich nämlich positiv auf den Genesungsprozess auswirken.

Der helle, luftige Eindruck, den die Architektur ursprünglich auch nach außen vermittelte, ist mittlerweile allerdings stark reduziert. Nachträglich hinzugefügte, massive Metallgeländer vor Fenstern und Balkonen dominieren heute die Fassade. Ich vermute, dass diese aus der Zeit nach 1986 stammen. Damals wurde die Lungenheilanstalt aufgelassen und das Gebäude zum Altenpflegeheim umfunktioniert. Gut möglich also, dass man bei dieser Gelegenheit aus Sicherheitsgründen die Gitter anbrachte. Das Ganze erinnert nun, ehrlich gesagt, freilich ein wenig an ein Gefängnis…

Wie man anhand der Fotos wohl schon erahnen kann, ist inzwischen übrigens auch das Altersheim an diesem Ort Geschichte: Seit 2012 steht das Gebäude leer und träumt, im Wald versteckt, im Dornröschenschlaf vor sich hin. Ob sich noch einmal jemand findet, um es wachzuküssen, ist derzeit ungewiss.

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