Wohnhaus, Wien IX

Beim Stöbern in meinem Fotoarchiv stieß ich eben auf eine Handvoll Bilder, die ich vor rund drei Jahren spontan aufnahm, als ich aus irgendeinem längst vergessenen Grund durch die Borschkegasse im 9. Wiener Gemeindebezirk kam. Sie zeigen das Haus mit der Nummer 8; ein vergleichsweise niedriges Gebäude mit bereits abbröckelnder Gründerzeit-Fassade, die mir im Vorbeigehen ins Auge stach.

Wie ich nun bei einer kurzen Recherche feststellen musste, gibt es das Haus inzwischen schon nicht mehr. Es ist, oder besser gesagt: es war eines jener zahlreichen Wiener Gründerzeit-Häuser, die in den letzten Jahren abgerissen wurden. Immerhin wurde es nicht wie viele andere Altbauten durch irgendein Spekulationsobjekt ersetzt, sondern durch ein Haus der Kinderhilfe. Weg ist aber trotzdem, und so ist der heutige Beitrag gewissermaßen ein architekturgeschichtlicher Nachruf …

Errichtet wurde das repräsentative Wohnhaus 1898 nach Plänen von Jakob Gartner (1861–1921), einem aus Mähren stammenden Vertreter des Späthistorismus, der beim Ringstraßen-Architekten Carl von Hasenauer studiert hatte. Bedeutung erlangte Gartner vor allem als Erbauer von Synagogen in zahlreichen Städten der Donaumonarchie. Daneben errichtete er aber auch viele Wohn- und Geschäftshäuser in Wien, von denen jenes in der Borschkegasse eines der früheren war.

Das gebänderte Erdgeschoß war oben durch durchlaufendes Gesims abgeschlossen. Die beiden darüberliegenden Etagen wurden durch geschoßübergreifende Pilaster zusammengefasst und wiesen plastischen Bauschmuck in Form von Festons und Girlanden auf. Auffälligstes Zierelement waren jedoch die vergleichsweise monumentalen Maskarons – maskenartige Gesichter –, die den oberen Abschluss der Pilaster bildeten.

Wie die Fassade als Ganzes changieren die Maskarons zwischen Neo-Barock und Jugendstil – eine in Wien um 1900 durchaus typische Mischung. Man findet sie auch an anderen Bauten Gartners, der mit dieser Gestaltungsweise dem Repräsentationsbedürfnis des Großbürgertums entsprach. So gesehen war das Haus in der Borschkegasse sicherlich nicht das aufsehenerregendste oder innovativste in der Wiener Architektur jener Epoche, aber doch ein recht ansehnlicher Vertreter des ‚Zeitstils‘. Schade ist es also allemal darum.

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Eine Antwort zu Wohnhaus, Wien IX

  1. Franz Konrad schreibt:

    Wer ist c. n. opitz?

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