Ehm. Reithalle der Rennweg-Kaserne, Wien III

Bleiben wir noch beim romantischen Historismus, von dem im vorigen Beitrag die Rede war. Eines der Hauptwerke dieser Stilrichtung in Wien ist das Arsenal. Die weitläufige Festungsanlage am Rand der Stadt entstand 1849–1856. Unter Bauleitung des Militärs waren mehrere Architekten an dem Großprojekt beteiligt, darunter Carl Roesner, August Sicard von Sicardsburg, Eduard van der Nüll und nicht zuletzt Theophil Hansen, der mit dem k. k. Hof-Waffenmuseum (heute Heeresgeschichtliches Museum) den repräsentativsten Teil der Anlage schuf. Wie auch die übrigen Bauteile entwarf Hansen es als Backsteinbau, der lose vom Arsenal im damals gerade noch habsburgischen Venedig inspiriert war. Die charakteristischen roten Ziegelwände sind durch Details und Zierformen im romanischen, byzantischen und maurischen Stil aufgelockert – insgesamt ein phantastischer Mix, der einen fast märchenhaften, eben romantischen Eindruck erzeugt. Dieser am Arsenal entwickelte Stil wurde in der Folge auch für andere Wiener Militärbauten verwendet und repräsentiert geradezu die Corporate Identity der habsburgischen Armee zu dieser Zeit. Man findet ihn etwa an der Rossauer Kaserne oder eben an der Reithalle der Rennweg-Kaserne…

 

Die Rennweg-Kaserne wurde 1797 in den Baulichkeiten des ehemaligen Waisenhauses am Rennweg angelegt. Die Gebäude stammen dementsprechend großteils aus dem 18. Jahrhundert, schon in den 1830ern erfolgte aber eine erste Erweiterung. 1854 schließlich wurde die hier interessierende Halle als Winterreitschule hinzugefügt. Für die Planung dieses Neubaus waren Sicardsburg und van der Nüll zuständig – ein Architekten-Duo, bei dessen Namen man vor allem an die Wiener Staatsoper denkt, das aber wie erwähnt auch am Arsenal beteiligt war. So zeigt denn auch die Reithalle die oben beschriebene Formensprache, wenn auch in einfacherer, reduzierterer Weise als an Hansens prunkvollem Waffenmuseum.

Es handelt sich um einen langgezogenen Backsteinbau mit basilikalem Querschnitt, der im ehemaligen Kasernenhof angelegt wurde und bis hinunter zur Landstraßer Hauptstraße reicht. Die Gebäudekanten sowie Rahmenteile an Portalen und Fenstern sind durch hellere Ziegel hervorgehoben; einzelne Zierelemente wie Konsolsteine und Kapitelle in Sandstein ausgeführt. Formal lassen sich Anlehnungen an die Romanik erkennen, vor allem in der Gestaltung der rundbogigen Doppelfenster. Die auffälligen Hufeisenportale an Vorder- und Rückseite erinnern dagegen an die maurische Baukunst im mittelalterlichen Spanien. Vergleichbare Formen findet man zwar auch am Arsenal, ich würde aber nicht ausschließen, dass die Hufeisenform bei der Reithalle als augenzwinkernder Verweis auf die Funktion gedacht war…

Eindeutig Verweise auf die Funktion bilden jedenfalls die Pferde-Reliefs in den Tondi, die in den Zwickeln über den Doppelfenstern angebracht sind. So kann man bis heute die ursprüngliche Nutzung am Gebäude ablesen, auch wenn es die Kaserne schon lange nicht mehr gibt und die frühere Reithalle als Turnsaal einer benachbarten Schule verwendet wird.

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