Portal, ehm. Handelskammer, Wien I

Wie viele vermutlich schon mitbekommen haben, jährt sich heute der Todestag von Otto Wagner zum hundertsten Mal. Es läge daher durchaus nahe, den heutigen Beitrag einem Wagner-Bau zu widmen – allerdings ist das Grundprinzip dieses Blogs ja, eben nicht über das Naheliegende zu schreiben, sondern die Aufmerksamkeit auf das eher Abgelegene, oft Übersehene zu lenken. Daher gibt es heute doch kein Werk des großen Jugendstil-Architekten, sondern ‚nur‘ eines aus seiner Umgebung: die ehemalige Kammer für Handel, Gewerbe und Industrie (heute Wirtschaftskammer) am Wiener Stubenring, deren Nordfassade (am Georg-Coch-Platz) und Westseite (Biberstraße) unmittelbar an Wagners berühmte Postsparkasse (1904–1906) grenzen.

Das Gebäude wurde 1905–1907, also annähernd gleichzeitig mit der Sparkasse, nach Plänen von Ludwig Baumann errichtet. Es handelt sich um einen etwas klobig wirkenden Monumentalbau, der im Grunde dem Späthistorismus verpflichtet ist, vor allem im reichen Skulpturendekor aber auch secessionistische Formen aufweist. Ich muss zugeben, dass mir das Bauwerk nicht sonderlich ‚sympathisch‘ ist, für absolut sehenswert halte ich aber seine Portale. Das gilt für das säulengerahmte Hauptportal am Stubenring mit schöner Jugendstilverglasung, das gilt vor allem aber auch für den einfacher gestalteten Eingang an der Rückseite zur Biberstraße. Im Vergleich zum Rest des Gebäudes wirkt dieser dezent und zurückgenommen; die schlichte, rechteckige Rahmung des Portals tritt nur wenig aus der Wandfläche hervor. Auffällig sind allerdings die beiden schmalen, hohen Bildfelder links und rechts von der Tür: Sie enthalten Bleireliefs von Franz Seifert (1866–1951), die – der Funktion des Gebäudes entsprechend – allegorische Darstellungen von Handel und Industrie zeigen.

 

Beide sind als weibliche Personifikation wiedergegeben. Der Handel hält in der Rechten einen Geldbeutel, in dessen Öffnung Münzen sichtbar werden. Mit der Linken hingegen lehnt die Figur auf einem großen Buch mit der Aufschrift „Soll und Haben“. Ihr gegenüber trägt die Industrie einen großem Hammer über der Schulter.

Diese prosaischen Attribute stehen in einem gewissen Kontrast zur eleganten, fast ätherischen Form der Figuren. Die schlanken Frauengestalten in enganliegenden Gewändern erinnern – bis hin zu Details wie den Frisuren – an die Florentiner Renaissance: Botticelli oder Filippo Lippi haben im 15. Jahrhundert ähnliche Figuren geschaffen. Auch die Technik des flachen, sich nur wenig vor dem ornamentieren Hintergrund abhebenden Reliefs stammt aus der italienischen Renaissance und unterstreicht den historischen Bezug.

Neben den Reliefs verdient aber auch die Tür selbst Aufmerksamkeit. Sie ist geprägt von eleganten Metallgittern, die wellenartige Ornamente im Secessions-Stil bilden.

Gewiss, gerade neben Wagners Postsparkasse wirkt diese Gestaltungsweise ein wenig altmodisch. Allzu deutlich tritt hier noch der dekorative Stil der 1890er zutage, und das nur ein Jahr, bevor Adolf Loos in seiner Polemik Ornament und Verbrechen (1908) das Ornamentale unter Generalverdacht stellte. Dennoch, sehenswert ist das Portal in der Biberstraße allemal. Wer also in den nächsten Tagen – oder sonst irgendwann – auf den Spuren Otto Wagners zum Georg-Coch-Platz pilgert, sollte nicht verabsäumen, es wenigstens im Vorbeigehen eines Blickes zu würdigen…

P. S.: Wer heute doch unbedingt etwas über Otto Wagner lesen will, sei an dieser Stelle noch an einen Post vom Vorjahr erinnert, in dem es um Wagners Schützenhaus am Donaukanal geht.

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