Kellerviertel, Edelstal (Burgenland)

Heute geht es ausnahmsweise nicht um ein einzelnes Gebäude, sondern um ein ganzes Ensemble – das Kellerviertel in Edelstal, im allernördlichsten Zipfel des Burgenlandes. In einem zusammenhängenden Areal westlich des Dorfkerns sind hier an die 80 Weinkeller in die Erde gegraben.

Nach außen bzw. nach oben treten nur die Schildmauerfassaden architektonisch in Erscheinung. Die daran anschließenden Kellerröhren sind mit Erde bedeckt und bilden kleine grasbewachsene Hügel, die sich deutlich im Gelände abzeichnen.

Wie die meisten der burgenländischen Kellergassen wurde auch jene von Edelstal im 18. Jahrhundert angelegt. 1760 suchten die Dorfbewohner bei ihrem Grundherrn, Fürst Paul II. Anton Esterházy, um die Erlaubnis an, außerhalb des Ortes Wein- und Vorratskeller graben zu dürfen. Das dafür ausgewählte Areal bot aufgrund seines Lehmbodens ideale Bedingungen für die Anlage unterirdischer Vorratsräume.

1818 sind hier bereits 42 Keller nachgewiesen, bis ins 20. Jahrhundert hinein stieg ihre Zahl auf über 70. Sie belegen eindrücklich die Bedeutung, die dem Weinbau in Edelstal ehemals zukam, auch wenn er heute nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Im Jahr 1820 aber wurde Edelstal noch zusammen mit heute noch bekannten Weinorten wie Gols und Illmitz in einer Reihe westungarischer Dörfer gelistet, die „einen guten, gesunden, weißen Tischwein erzeugen“ [Erneuerte vaterländische Blätter für den österreichischen Kaiserstaat, 5. April 1820].

Der Großteil der Edelstaler Keller geht tatsächlich noch auf das 19. Jahrhundert zurück, einzelne sogar auf das 18. Jahrhundert. Man findet aber auch einige mit Bauinschriften aus der Zwischenkriegszeit, denn damals wurden viele der alten Keller restauriert und zum Teil auch erweitert. Das Material dazu entnahm man in den meisten Fällen der Umfassungsmauer des in unmittelbarer Nähe gelegenen Tiergartens. Diesen hatte der schon erwähnte Paul II. Anton Esterházy ab 1756 als Jagdgebiet für das benachbarte Schloss Kittsee anlegen und mit einer Mauer einfangen lassen. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs ging der fürstliche Tiergarten allerdings an die Gemeinde über und wurde aufgelassen, seine Mauer in der Folge von den Dorfbewohnern als ‚Steinbruch‘ benutzt.

Die Natursteinmauern der Schildfassaden prägen auch wirklich ganz wesentlich das Bild des Kellerviertels, doch findet man dazwischen auch gar nicht wenige Fronten, die mit weißem Putz versehen sind.

Zum Teil zeigen die Fassaden abgeflachte Giebel, wie sie für die burgenländischen Kellergassen charakteristisch sind. Ein Spezifikum des Edelstaler Kellerviertels ist jedoch die Dominanz von Rundgiebeln, deren wellenförmige Kontur das organische in-der-Landschaft-Aufgehen der Architektur visuell unterstreichen.

Dass die Keller „in der Landschaft aufgehen“ entspricht zwar dem visuellen Eindruck, ist allerdings auch eine etwas trügerische Formulierung. Sie lässt nur allzu leicht vergessen, dass es sich hier ja um Architekturen handelt, die massiv in die Landschaft eingreifen und das Terrain nachhaltig gestalten. Letztlich bildet das Kellerviertel eine künstlich angelegte Hügellandschaft, die in ihrer Wirkung fast etwas Land Art-Mäßiges hat. Wohlgemerkt aber nur in der Wirkung. Denn ästhetische Überlegungen spielten bei der Anlage der Weinkeller, wenn überhaupt, nur eine sehr untergeordnete Rolle, und mit der konsumkritischen Grundhaltung der Land Art-Bewegung hat das Ganze schon gar nichts zu tun. Womit wir es zu tun haben, sind Beispiele landwirtschaftlicher Nutzarchitektur, deren Form sich aus der Funktion und aus der Notwendigkeit, die vorhandenen Ressourcen möglichst effektiv zu nutzen, ergibt.

Andererseits: Ihre ursprüngliche Funktion haben die meisten der Weinkeller heute verloren, das Kellerviertel wird primär nicht mehr landwirtschaftlich, sondern als idyllisches Naherholungsgebiet genutzt. Für heutige Besucherinnen und Besucher ist daher die Wirkung im Grunde wohl ohnehin relevanter als die ursprüngliche Intention der Erbauer…

 

 

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