Milchgenossenschaftsgebäude, Ketzelsdorf (Niederösterreich)

Vor nicht ganz zwei Jahren habe ich hier über das Kunsthistorische Museum in Wien geschrieben, und zwar vor allem über den Skulpturenschmuck der Fassaden. Dabei habe ich unter anderem aus einem 1892 gehaltenen Vortrag des damaligen Museumsdirektors Albert Ilg zitiert. Dieser war nämlich vom Skulpturenprogramm, vorsichtig ausgedrückt, wenig begeistert und stellte fest:

„Ich bin (…) kein Freund des bei dem modernen Gebäudeschmuck so beliebten historischen Vorreitens des Innern am Aeussern. Es liegt etwas so Doctrinäres, so schaal Lehrhaftes darin, dass wir beim Anblicke eines Kunstwerkes an der Aussenseite immer schon von dem Inhalte desselben Rechenschaft empfangen sollen. (…) Noch unkünstlerischer ist das Aufschreiben von Namen an die Gebäude, was mich immer an die alten Locomotiven der Nordbahn erinnert, welche ‚Stephenson‘ und ‚James Watt‘ betitelt waren.“ [Albert Ilg, Das Kunsthistorische Hofmuseums-Gebäude als modernes Architekturwerk, Vortrag gehalten im Niederösterreichischen Gewerbevereine am 18. December 1891, Wien 1892, S. 9-10.]

In Anbetracht dieser Meinungsäußerung steht zu vermuten, dass Ilg auch mit dem Milchgenossenschaftsgebäude in Ketzelsdorf (Gemeinde Poysdorf, Weinviertel) wenig Freude gehabt hätte. Nicht nur prangt der Name des Bauwerks in großen Lettern an der Fassade, darüber sind auch noch zwei skulpierte Rinderköpfe angebracht, damit nur ja keine Zweifel aufkommen, wofür das Ganze gedacht war!

Abgesehen von den Rinderköpfen ist der 1909 errichtete Bau aber eher unspektakulär. Nur an der Stirnwand ist dezenter historistischer Dekor angebracht, schon mit einer gewissen Tendenz zum Jugendstil, der vor allem in der Gestaltung der Schrift durchkommt. Die hölzerne Verkleidung des abgewalmten Giebels bringt auch noch eine Dosis Heimatstil in die Mischung ein. Insgesamt ein gar nicht untypischer Mix für die Zeit um 1910.

Diese Betonung des Heimatlichen mit einem Schuss Moderne passt eigentlich auch ganz gut zur Funktion des Milchgenossenschaftsgebäudes. Denn einerseits hat es eben einen landwirtschaftlichen, bäuerlichen Hintergrund, andererseits stellte eine Genossenschaft damals eine noch recht neue, zukunftsweisende Organisationsform dar. Die im Gebäude befindliche Milchkammer war ein zentraler Ort für die Bauernschaft, die hier die Milch von den jeweiligen Höfen ablieferte, damit sie dann gemeinschaftlich weiterverarbeitet und vertrieben werden konnte. Dieser Sammelfunktion entsprechend, liegt der Bau auch wirklich im Herzen des kleinen Dorfes, gleich neben der Kirche. So stehen einander das geistliche und das (land)wirtschaftliche Zentrum des Ortes direkt gegenüber.

P. S.: Auch die Inneneinrichtung des Gebäudes ist weitgehend original erhalten und kann in den Sommermonaten als Museum Ketzelsdorfer Milchkammer besichtigt werden.

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Eine Antwort zu Milchgenossenschaftsgebäude, Ketzelsdorf (Niederösterreich)

  1. Cathrin Moshammer schreibt:

    Vielen Dank!

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