Bürgerhaus, Donnerskirchen (Burgenland)

Mit seinen weniger als 2000 Einwohnern ist Donnerskirchen nicht unbedingt eine Metropole zu nennen. Aber immerhin liegt im Ortsgebiet eine Kreuzung, die traditionell eine gewisse Bedeutung für den regionalen Verkehr hatte: Die Mannersdorfer Straße, die übers Leithagebirge nach Wien führt, zweigt hier von der Burgenland-Straße, die Neusiedl mit Eisenstadt verbindet, ab. An ebendieser Kreuzung steht ein für dörfliche Verhältnisse imposantes zweigeschossiges Haus aus dem späten 19. Jahrhundert. Die Ecken des Gebäudes sind durch Quaderung betont, das Erdgeschoss weist eine Pilastergliederung auf. Im durch ein Gesims abgegrenzten Obergeschoss hingegen dominieren Karyatiden, die als Fensterrahmungen eingesetzt die Fensterverdachungen tragen.

Als Karyatiden bezeichnet man in der Architektur weibliche Trägerfiguren, die als skulpturales Zierelement anstelle von Säulen, Pfeilern oder Pilastern eingesetzt werden. Ursprünglich stammen sie aus der griechischen Antike, doch wurden sie im 19. Jahrhundert von klassizistischen und historistischen Architekten wiederaufgegriffen. In der österreichischen Baukunst der Ringstraßenzeit findet man Karyatiden vor allem im Werk von Theophil Hansen, und zwar so oft, dass sie fast so etwas wie ein Leitmotiv bilden: Sie begegnen am Palais Ephrussi ebenso wie am Palais Epstein, im Parlament ebenso wie im Musikvereinssaal (alle in Wien). Sucht man in Hansens Œuvre nach konkreten Vorbildern für die anonyme Fassade in Donnerskirchen, sticht aber vor allem das Palais Todesco in Wien ins Auge. Dieses hatte Hansen 1861–1864 zusammen mit seinem Schwiegervater Ludwig Förster errichtet. Die Art, wie dort die Karyatiden an der Fassade des obersten Stockwerks direkt aus den Pilastern des darunterliegenden herauszuwachsen scheinen, nimmt das geschossübergreifende Design in Donnerskirchen vorweg.

Allerdings tragen die weiblichen Skulpturen am Palais Todesco nicht nur die Fensterverdachungen, sondern ein durchlaufendes Gebälk. Auch verwenden Förster und Hansen dort bekleidete, ganzfigurige Karyatiden. In Donnerskirchen hingegen sind sie mit nacktem Oberkörper dargestellt, und der Unterleib ist durch eine architektonische Stele ersetzt. Diesen Typus findet man im Schaffen von Hansen zwar ebenfalls (zum Beispiel im schon erwähnten Musikvereinssaal), allerdings nur im Innenraum, soweit ich sehe jedoch nie an einer Außenfassade.

Was die konkrete Gestaltung und Platzierung der Figuren betrifft, steht die Donnerskirchener Variante einem anderen Wiener Bauwerk deutlich näher, nämlich dem ehemaligen Harmonietheater in der Wasagasse: Dort begegnen ebenfalls halbfigurige Karyatiden mit entblößtem Oberkörper als Fensterrahmungen an der Fassade. Das 1864–1865 erbaute Harmonietheater ist ein Frühwerk von Otto Wagner, der damit seine erste Arbeit als selbständiger Architekt schuf. Davor hatte er im Atelier seines Lehrers Ludwig Förster mitgearbeitet. Es ist also nicht schwer zu erraten, woher er wohl die Idee hatte, Karyatiden zu verwenden…

Für das Haus in Donnerskirchen konnte ich kein konkretes Baudatum ausfindig machen. Man darf aber wohl davon ausgehen, dass es auf jeden Fall nach den genannten Bauten von Förster, Hansen und Wagner entstand. Der unbekannte Architekt griff hier offensichtlich Gestaltungsmittel der Wiener Ringstraßenarchitektur auf und übertrug sie in freier Variation in eine dörfliche Umgebung. Im Detail kann die Fassade in Donnerskirchen natürlich nicht mit den hauptstädtischen Vorbildern mithalten. Im Gegensatz zu den reich gegliederten, plastisch durchformten Architekturoberflächen der Wiener Beispiele wirkt sie als Ganzes einfach und flach: Karyatiden, Pilaster und Gesimse liegen rasterartig auf einer glattverputzten Wand; die Karyatiden selbst sind ebenfalls eher flach und summarisch gearbeitet. In ihrem ländlichen Kontext betrachtet, verrät die Fassade aber dennoch einen hohen Anspruch. In jedem Fall bildet sie ein bemerkenswertes Beispiel für die Rezeption eines typisch wienerischen Architekturmotivs in vergleichsweise abgelegener Umgebung.

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