Rieder-Haus, Althofen (Kärnten)

Nachdem ich im vorigen Beitrag schon kurz die Sgraffitotechnik erklärt habe, bietet es sich an, gleich noch ein Beispiel für diese Art der Fassadendekoration dranzuhängen. In Österreich kennt man Sgraffitohäuser ja vor allem aus den historischen Kleinstädten Niederösterreichs, wie etwa Eggenburg, Retz oder Weitra – mit dem sogenannten Rieder-Haus in Althofen gibt es aber auch in Kärnten einen bedeutenden Vertreter dieses Typs.

Die figurativen und ornamentalen Ritzzeichnungen sind in diesem Fall durch eine Inschrift auf das Jahr 1590 datiert. Auch das Gebäude selbst wurde wohl damals entweder neu errichtet oder zumindest maßgeblich umgebaut: Die Architektur zeigt die für jene Zeit typischen Renaissanceformen. Auffällig sind vor allem das Portal sowie das schöne Zwillingsfenster im Obergeschoß. Die gebaute Architektur wird allerdings durch geritzte Dekorationselemente ergänzt: Fingierte Pilaster betonen die Ecken; die Fensterrahmungen sind durch Maskenornamente und Girlanden erweitert; zum Teil sind sogar die Fensterrahmungen selbst nicht in Stein ausgeführt, sondern nur in Sgraffitotechnik vorgetäuscht.

Das Hauptelement der Fassadengestaltung bilden jedoch zwei übereinanderliegende Bilderfriese. Beide enthalten Darstellungen mit antiker Thematik, wie man es in der Renaissance gern hatte. Im oberen Fries wurden, zwischen den Fenstern eingefügt, die Neun Musen wiedergegeben (von denen allerdings nur noch sieben erhalten sind).

Die Althofener Musen basieren auf druckgraphischen Vorlagen aus der Werkstatt des Nürnberger Zeichners und Kupferstecher Virgil Solis (1514-1562). Die Abhängigkeit ist klar erkennbar, wenn man etwa die Musen Terpsichore und Erato (im obigen Foto zu sehen) den themengleichen Stichen von Solis gegenüberstellt (der Klick auf die verlinkten Namen führt zur jeweiligen Vorlage). Allerdings sind die Figuren in Althofen deutlich schlanker und gelängter. Vermutlich, weil man die relativ hohen, aber schmalen Bildfelder, die sich durch die Anordnung der Fenster ergaben, in ganzer Höhe füllen wollte.

Im unteren Bildfries dagegen wurden verschiedene Heldentaten des Herkules dargestellt. Auch sie folgen druckgraphischen Vorlagen, nämlich Kupferstichen des ebenfalls aus Nürnberg gebürtigen Malers und Kupferstechers Sebald Beham (1500-1550). Wer will, kann auch hier die zugrundeliegenden Stiche durch Anklicken der folgenden Links zum Vergleich heranziehen: Herkules tötet den Kentaur Nessus und Herkules entführt die Königstochter Iola (Foto oben); Herkules tötet die Hydra (Foto unten); Herkules tötet den Riesen Antaeus (Foto ganz unten).

Auch die erklärenden lateinischen Inschriften unter den einzelnen Szenen sind den entsprechenden Kupferstichen entnommen. Hier zeigt sich im Detail allerdings, dass der ausführende Künstler in Althofen weder in Latein noch in der antiken Mythologie zu hundert Prozent sattelfest war. In der Episode mit Herkules’ Kampf gegen die Hydra etwa machte er „HYDRAM“ zu „DARAM“ und den Namen „IOLAO“ zu „IOLOLA“.

Es gibt gegenüber den Vorlagen aber auch Abweichungen, die wohl bewusst vorgenommen wurden: Überall, wo noch Platz war, füllte der unbekannte Künstler in Althofen den Bildgrund nämlich mit riesigen Vögeln. So erweckt die Dekoration einen noch reicheren Eindruck. Dass durch diese Überfülle gleichzeitig die Lesbarkeit der Bilder beeinträchtigt wird, wurde von Künstler und Auftraggeber allem Anschein nach billigend in Kauf genommen. – Trotz dieser vielleicht nicht ganz geglückten Zugabe, alles in allem bildet das Rieder-Haus nicht nur eines der bedeutendsten Sgraffitohäuser in Österreich, sondern auch ein herausragendes Beispiel für die große Bedeutung gedruckter Vorlagen in der Fassadendekoration zur Zeit der Renaissance.

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