Bürgerhaus, Steyr (Oberösterreich)

Passend zum neuen Jahr gibt es im heutigen Beitrag einen Segensspruch. Er befindet sich über dem Eingang eines alten Bürgerhauses mit Sgraffito-Fassade in Steyr. Die Bezeichnung Sgraffito leitet sich vom italienischen „sgraffiare“ (einritzen, kratzen) ab, im Deutschen gibt es für diese spezifische Form der Wanddekoration auch den wenig gebräuchlichen Namen „Kratzputz“. Damit ist die Besonderheit dieser Technik aber jedenfalls gut benannt. Sie besteht nämlich darin, dass zwei verschiedenfarbige Putzschichten übereinander angebracht werden, dann wird in die obere die gewünschte Darstellung eingeritzt, sodass die untere, meist hellere Schicht zeichnungsartig sichtbar wird.

Vor allem im 16. und frühen 17. Jahrhundert war diese Art der Fassadengestaltung in Mitteleuropa sehr beliebt. Auch in Österreich finden sich zahlreiche, teils sehr aufwändige Beispiele dafür. Eine ganze Reihe von Sgraffitohäusern hat sich etwa in Steyr erhalten, auch wenn sich die meisten davon auf ornamentale und scheinarchitektonische Dekorationselemente beschränken. Es gibt darunter aber auch einige mit figürlichen Darstellungen, und dazu zählt das sogenannte Beichtvaterstöckl, um das es heute hier geht. Die Außenwände des im Kern noch aus dem Spätmittelalter stammenden Bürgerhauses wurden zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Sgraffitotechnik neugestaltet. Auch hier überwiegen Rahmenelemente und Scheinarchitekturen, doch über der Eingangstür erscheint prominent ein Ritter in voller Rüstung auf vorwärtspreschendem Pferd. Er reitet allerdings nicht in die Schlacht, sondern ‚nur‘ ins Turnier, denn seine Lanze endet nicht in einer scharfen Spitze, sondern in einem sogenannten Turnierkrönlein. Für die Zeit um 1600 stellt diese Rittergestalt eigentlich ein recht altmodisches, fast schon nostalgisches Motiv dar. Andererseits darf man aber nicht vergessen, dass das mittelalterliche Turnierwesen vor allem im städtischen Bereich noch weit in die frühe Neuzeit hinein weiter gepflegt wurde.

Unterhalb des Ritters, der fingierten Türrahmung im Renaissance-Stil eingeschrieben, erscheint eine Inschrift mit dem eingangs erwähnten Segensspruch: „SIT TUUS INTROITUS FELIX : TUUS EXITUS UNI PERPETUO CURAE SIT MANEATQUE DEO.“ Bei diesem lateinischen Haussegen handelt es sich um nichts anderes als ein Zitat aus der Bibel, nämlich den letzten Vers von Psalm 121. In der Fassung der Luther-Bibel lautet er: „Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!“ Eine etwas getreuere Übersetzung der lateinischen Version wäre allerdings: „Möge dein Eintritt glücklich sein (und) dein Weggang ebenso stets unter Gottes Schutz sein und bleiben“ [Quelle]. Ich bin dann mal so frei und borge mir den ersten Teil als Neujahrswunsch aus: Möge euer Eintritt glücklich sein!

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