Portal, Wien III

Als ich unlängst die ehemalige Buchdruckerei Jasper in der Tongasse fotografierte, stach mir auch dieses dekorierte Portal am Haus gegenüber ins Auge. Der 1959 errichtete Wohnbau ist einer jener typischen Vertreter der Nachkriegsarchitektur, deren Fassade so gesichtslos, glatt und grau ist, als wäre Ornament tatsächlich ein Verbrechen. Einzig der Portalbereich zeichnet sich durch künstlerische Gestaltung aus: Ein breiter, in mattem Rosa gehaltener Rahmen umfasst die Eingangstür und die umliegende Wandfläche. Im so entstehenden rechteckigen Bildfeld sind rund um die Tür Mosaikdarstellungen aus glasierten Fliesen angebracht. Leider konnte ich keine Signatur erkennen oder sonst irgendwelche Informationen zum ausführenden Künstler bzw. zur Künstlerin finden.

Das Hauptmotiv bildet die Figur eines Töpfers (oder eine Töpferin?), die gerade ein Gefäß an der Scheibe herstellt. Rundherum sieht man verschiedene Töpfereiprodukte – Vasen, Krüge, Schalen und dergleichen – die sich in unterschiedlichen Farben vom blaugrauem Putzgrund abheben. Die Darstellungen sind zwar eindeutig als gegenständlich zu bezeichnen, enthalten aber doch ein gewisses Maß an Abstraktion. Vor allem in der Hauptfigur erweckt die Art, wie sie aus einzelnen, klar abgegrenzten Fliesen zusammengesetzt ist, vage Erinnerungen an den Kubismus.

Inhaltlich nimmt das Mosaik Bezug auf die Geschichte der Gasse: Traditionell hieß diese nämlich Zieglergasse, da hier Ziegler und Töpfer angesiedelt waren. Der Name wurde 1862 geändert, als man im Zuge einer großen Reform nicht nur ein neues System der Häusernummerierung einführte, sondern auch die Straßenbezeichnungen der neu eingemeindeten Vorstädte vereinheitlichte. Da man Doppelbenennungen vermeiden wollte, es aber auch am Schottenfeld eine Zieglergasse gab (und immer noch gibt), wurde jene im Dritten Bezirk in Tongasse umbenannt. Die neue Bezeichnung bezieht sich nun nicht mehr auf die (ehemals) hier ansässigen Handwerker, sondern auf deren Rohmaterial, den Ton. So blieb auch nach der Änderung die Erinnerung an die Lokalgeschichte erhalten.

Das Portalmosaik ist also eines jener in Wien gar nicht so wenigen Beispiele für eine moderne Fassadendekoration, die gezielt die Vorgeschichte eines Hauses oder seiner Umgebung veranschaulicht. So werden trotz großer baulicher Veränderungen längst vergangene Epochen der Stadtgeschichte zumindest ein Stück weit präsent gehalten. Ich finde diese Art der „historisierenden“ Fassadengestaltung immer recht spannend, aber das ist ehrlich gesagt gar nicht der Grund, warum ich sie heute als Thema gewählt habe. Der Grund ist vielmehr ganz banal: Die verschiedenen Töpfereiprodukte, die da rund um die Tür präsentiert werden, ließen mich spontan an die diversen Kunsthandwerksstände auf den Christkindlmärkten denken. Das ist natürlich nur eine freie Assoziation, aber irgendwie hat das Fliesenmosaik dadurch für mich etwas Weihnachtliches… In diesem Sinne: Frohes Fest!

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