Ehm. Buchdruckerei Jasper, Wien III

Schon zwei Mal habe ich heuer Bauwerke von Julius Deininger vorgestellt, und bei den Recherchen dazu entdeckte ich, dass es mehr oder weniger ums Eck von meiner Wohnung ebenfalls ein von ihm entworfenes Gebäude gibt: Die ehemalige Buchdruckerei Friedrich Jasper in der Tongasse. Deininger ist in erster Linie für seine Villen bekannt, in zweiter Linie für repräsentative Miets- und Wohnhäuser in Wien – als monumentaler Gewerbebau bildet die 1892 errichtete Buchdruckerei daher eine Ausnahme in seinem Schaffen. Die Gestaltung ist denn auch deutlich von der Bauaufgabe her bestimmt: Wie in der Industriearchitektur der damaligen Zeit üblich, wurde als Material Backstein gewählt. Die Fassade ist weitgehend schmucklos und geprägt von den großen Fenstern der Produktionshallen im Hochparterre und im ersten Stock.

Bereits beim letzten Mal habe ich erwähnt, dass Deininger in bautechnischen Belangen stets auf dem neuesten Stand blieb, und die Buchdruckerei ist ein gutes Beispiel dafür. Es handelte sich um eine damals ausgesprochen moderne Anlage, die ganz auf der Höhe der Zeit war: Die Grundrisse der einzelnen Geschoße wurden streng funktional angelegt, auf ausreichende Belichtung und Belüftung wurde ebenso geachtet wie auf Aufenthalts- und Sanitärräume für das Personal. Es gab Aufzüge, eine Zentralheizung und elektrisches Licht, und auch die Maschinen wurden mit Strom betrieben. Dazu kam eine getrennte Nutz- und Trinkwasserversorgung, erstere über einen Hausbrunnen mit Pumpwerk, zweitere über die öffentliche Hochquellwasserleitung.

Getrennt waren freilich auch die Eingänge des Gebäudes: An beiden Seiten gibt es ein Portal aus Kunststein, wobei das rechte für die Arbeiter bestimmt war, während das linke zum Büro und zur Wohnung des Besitzers führte. Aufgrund seines gehobeneren Status’ ist das linke Portal auch deutlich aufwändiger gestaltet. Seinen oberen Abschluss bildet ein gesprengter Volutengiebel, dessen Mitte sogar mit skulpturalem Schmuck versehen ist: einer Büste von Johannes Gutenberg, dem Erfinder des modernen Buchdrucks.

Ansonsten beschränken sich die Verzierungen der Fassade auf das zweite Obergeschoß, über den Produktionsräumen. Da sich dort, neben Firmenräumen wie dem Archiv, auch die Wohnung des Besitzers befand, handelt es sich gewissermaßen um die Beletage, was die reichere Gestaltung erklärt. An den äußeren Fensterachsen findet man hier gesprengte Segmentgiebel im Stil der Renaissance, der von Deininger bevorzugten Formensprache. Zwischen den übrigen Fenstern dieses Geschoßes sind hingegen Felder mit Sgraffitodekoration in die Ziegelmauer eingelassen. Diese ebenfalls aus der Renaissance stammende Dekorationsform wurde im Wien der Ringstraßenzeit etwa auch am Museum für Angewandte Kunst und an der Rückseite des Universitäts-Hauptgebäudes eingesetzt. Möglicherweise sollte ihre Verwendung an der Buchdruckerei sogar bewusst einen Bezug zu diesen Beispielen von „Bildungsarchitektur“ herstellen, aber das ist bloß Spekulation…

Ein Teil dieser Sgraffitofelder an der Buchdruckerei Jasper ist rein ornamental gestaltet, während die beiden mittleren das Firmen- sowie das Zunftwappen der Buchdrucker enthalten und sowohl das Baujahr als auch das Gründungsjahr des Betriebs angeben. Am interessantesten sind aber jene vier Felder, die figürliche Darstellungen enthalten: Sie zeigen Putti in Renaissance-Manier, die vier wesentliche Phasen der Buchherstellung veranschaulichen. Die erste dieser nackten Kinderfiguren hält – wie die Schreibfeder in der Rechten suggeriert – ein handgeschriebenes Manuskript, die zweite steht am Setzkasten, um die zum Druck benötigten Lettern auszuwählen. Die dritte lehnt lässig an der Druckerpresse, die vierte schließlich hält die fertig bedruckten Bögen – prüfend? – aufgeschlagen in den Händen.

Nicht nur die Gestaltung dieser Bildfelder erinnert an die Renaissance als der Pionierzeit des Buchdrucks; auch die dargestellte Technik hat mehr mit der Epoche Gutenbergs gemeinsam als mit der modernen maschinellen Produktion, wie sie in den Betriebsräumen in der Tongasse vor sich ging. Hier zeigt sich wieder einmal das in der Architektur der Ringstraßenzeit so häufig anzutreffende Paradoxon: Funktion, Bauweise und Ausstattung sind dezidiert modern, aber der Dekor weist gezielt in die Vergangenheit.

 

 

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