Schmiedtleitner-Mausoleum, Friedhof Ober-St.-Veit, Wien XIII

Am Allerseelentag gibt es wieder den obligatorischen Friedhofsbesuch, der hier im Blog schon eine gewisse Tradition hat, auch wenn ich ihn nicht unbedingt jedes Jahr einhalte  (vgl. etwa hier und hier). Diesmal geht es auf den Ober-St.-Veiter Friedhof am Rande Wiens. Er wurde 1876 als parkartige Anlage in verhältnismäßig steilem Gelände errichtet. An seiner höchsten Stelle bildet eine Reihe prachtvoller historistischer Mausoleen gewissermaßen den krönenden Abschluss. Einige davon zeigen neugotische Formen, andere jene der Neo-Renaissance. Zu letzteren zählt das Mausoleum der Familie Schmiedtleitner, das sich als das größte und markanteste aus der Reihe hervorhebt (im oberen Foto der linke der beiden Kuppelbauten).

Ob die Gruftkapelle tatsächlich für die genannte Familie errichtet wurde, erscheint mir allerdings ein wenig fraglich. Denn das über dem Portal angebrachte Namensschild will mir weder materiell noch typographisch recht zur Architektur passen. Ich halte es daher für denkbar, dass es erst nachträglich angebracht wurde und dass der Bau ursprünglich für jemand anderen gedacht war. Besitzerwechsel kommen ja auch bei Mausoleen durchaus vor – aber natürlich ist das in diesem Fall reine Spekulation. Es könnte allerdings mit ein Grund sein, warum sich unter dem Namen Schmiedtleitner in zeitgenössischen Publikationen keine Informationen zu dem Grabbau finden lassen…

So konnte ich leider auch den Namen des Architekten nicht ausfindig machen. Aber das Bauwerk spricht ohnehin für sich und ist auch ohne Namensetikett beeindruckend. Es handelt sich um einen überkuppelten Zentralbau des späten 19. Jahrhunderts, der in den monumentalen Formen der Hochrenaissance gestaltet wurde. Die Vorderseite ist durch einen Portikus betont, dessen antikisierender Giebel von zwei Säulenpaaren getragen wird.

Den Giebel bekrönt eine geflügelte weibliche Figur. Das Kreuz in der Linken weist sie als christliche Allegorie aus. Formal betrachtet, stellt sie allerdings eine antike Siegesgöttin, mit dem Siegeskranz in der Rechten, dar. Im gegebenen Kontext ist sie wohl als Versinnbildlichung des Triumphs Christi über den Tod zu verstehen, also eines zentralen Glaubensinhalts des Christentums, der an einem Grabmonument natürlich besonders angebracht ist. Der Antikenbezug ermöglichte es aber, die Figur barbusig darzustellen, was sonst auf einem christlichen Friedhof vielleicht als unpassend empfunden worden wäre…

Auch abgesehen von dieser Skulptur besticht das Mausoleum nicht nur durch die architektonische Form, sondern auch durch seinen bauplastischen Schmuck und seine kunsthandwerklichen Details – von den schlafenden Genien im Giebelfeld zu den leuchterartigen Aufsätzen am Fuß der Kuppel…

…von den farbigen Glasfenstern bis hin zum niederen schmiedeeisernen Gitter, das den Bau seitlich begrenzt und von kunstvollen Rosen-Ornamenten bekrönt wird.

Details wie diese machen deutlich, dass es sich bei solchen Mausoleen um prunkvolle Repräsentationsbauten handelt, die zwar vergleichsweise klein sein mögen, die in Bezug auf den Reichtum der Ausstattung den Vergleich mit, sagen wir, den zeitgenössischen Ringstraßenpalais jedoch keineswegs zu scheuen brauchen.

 

Dieser Beitrag wurde unter Wien abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.