Villa Ladewig, Gutenstein (Niederösterreich)

Vor rund drei Monaten habe ich hier die Villa Trebesiner in Gutenstein vorgestellt, eine von mehreren Villen, die der Wiener Architekt Julius Deininger um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert an diesem Ort errichtete. Im September hatte ich nun die Gelegenheit, im Rahmen einer Führung auch die sehenswerten Innenräume des in Privatbesitz stehenden Gebäudes zu besuchen. Bei dieser vom Verein Architekturerbe Österreich organisierten Veranstaltung standen auch andere Bauten Deiningers in Gutenstein auf dem Programm. Den Abschluss und meines Erachtens auch den Höhepunkt der kleinen Tour bildete die Villa Ladewig, die ebenfalls nicht nur von außen, sondern auch innen besichtigt werden konnte. Die Besitzer waren sogar so freundlich, mir zu erlauben, im Inneren zu fotografieren und die Bilder hier zu teilen…

Die Villa wurde 1905 für den Dekorationsmaler Wilhelm Ladewig erbaut. Sie ist eines der späteren Werke von Julius Deininger und entstand bereits in Zusammenarbeit mit dessen Sohn Wunibald, einem Schüler von Otto Wagner. Mit den früheren Villen von Deininger sen. hat sie im Grunde nur noch wenig gemeinsam: Es gibt hier keine romantisch aufragenden Türmchen mehr, und auch die für ihn so charakteristischen Neo-Renaissance-Elemente fehlen.

Mit seinen prominenten Giebeln präsentiert sich das Gebäude mehr im Landhausstil denn als klassische Villa. Der Eindruck wird nicht nur durch die architektonische Form, sondern auch durch das verwendete Material hervorgerufen. An den Fassaden dominiert das Holz; das Obergeschoß ist ganz mit Schindeln verkleidet, die Giebelflächen sind mit Brettern verschalt. Trotz dieser traditionell alpenländisch wirkenden Holzverkleidungen handelt es sich allerdings um einen ausgesprochen modernen Bau. So wurde die Villa in Leichtbauweise errichtet, das Dach mit den damals gerade erst neu entwickelten Eternitschindeln gedeckt. Auch formal lassen sich schon auf den ersten Blick moderne Züge feststellen, etwa die einfach gerahmten Fenster, die auf damals fortschrittliche Weise in quadratische Scheiben unterteilt sind.

Es ist natürlich verlockend, diesen Modernisierungsschub gegenüber den älteren Deininger-Villen der Mitarbeit des Sohnes zuzuschreiben. Die Erfahrung lehrt allerdings, dass Modernität und Fortschrittlichkeit keineswegs an ein bestimmtes Alter gebunden sind. Gerade Julius Deininger blieb in Hinblick auf bautechnische Aspekte zeit seines Lebens stets auf dem neuesten Stand. Einige Eigenheiten der Villa Ladewig lassen sich bei aller gebotenen Vorsicht aber wohl doch tendenziell dem Wagner-Schüler Wunibald Deininger zuweisen. Am offensichtlichsten vielleicht das flache, weit auskragende Vordach an der südwestlichen Ecke – eine Dachform, die typisch für Otto Wagner und seine Schule ist.

Wunibald war es auch, der sich bereits in seinen frühen Arbeiten mit der englischen Landhaus-Architektur der Arts and Crafts-Bewegung auseinandergesetzt hatte. Schon einige seiner ersten, zwischen 1900 und 1905 ohne den Vater geplanten Villen- und Wohnhausentwürfe weisen ähnlich prägnante Giebel auf wie die Villa Ladewig. In der Tradition des englischen Landhauses stehen bei der Villa Ladewig aber nicht nur die Giebel, sondern auch das großzügig belichtete Treppenhaus mit seiner elegant geschwungenen Holztreppe, die in der österreichischen Architektur jener Zeit ihresgleichen sucht.

Im Inneren wird aber auch deutlich, dass neben Julius und Wunibald Deininger noch ein Dritter wesentlich für den Gesamteindruck des Gebäudes mitverantwortlich war – nämlich der Auftraggeber selbst. Wilhelm Ladewig war wie erwähnt Dekorationsmaler, und in diesem Beruf immerhin so erfolgreich, dass er 1905 den Titel eines k. u. k. Hof-Dekorationsmalers verliehen bekam. Seine meist ornamentalen, manchmal aber auch figürlichen Raumausmalungen fanden sich in jeder nur erdenklichen Art von Gebäude, von der Grabkapelle bis zum Kellerlokal (etwa dem seinerzeit berühmten Wiener Rathauskeller). Auch die Wände seiner eigenen Villa überzog er fast durchgängig mit dekorativer Malerei.

Der Stil variiert dabei je nach Raumfunktion, sodass insgesamt die ganze Breite von Ladewigs Könnens abgebildet ist. Sie reicht von eleganter historistischer Schablonenmalerei über volkstümlichem Realismus …

… bis hin zu verschiedenen Spielarten …

… des Jugendstils.

Die malerische Ausstattung der Villa trägt im Zusammenspiel mit der Architektur wesentlich zum Raumeindruck bei. Sie ist im Übrigen auch nicht auf das Innere beschränkt. Auch außen sind vor allem die Fensterläden und andere hölzerne Teile mit Malereien versehen.

Als Mediävist erfreut mich besonders natürlich eine neben dem Hintereingang an der Mauer angebrachte Rankenmalerei in spätgotischer Manier. Sie bildet den Rahmen für eine Kopie von Albrecht Dürers 1508 entstandener Madonna mit der Sternenkrone. In die Ranken eingewoben ist auch ein Schriftband mit dem Text „Erbaut 1905“ sowie ein Wappenschild, der auf blauem Grund drei leere, goldene Schilde zeigt. Dieses heraldische Zeichen, das auch im Hausinneren mehrmals zu sehen ist, war schon im Mittelalter als Zunftwappen der Maler verbreitet. Es signalisiert also, dass es sich hier um den Wohnsitz eines Malers handelt – auch wenn das in Anbetracht des Dekorationsreichtums ohnehin offensichtlich ist…

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