Betriebsfassade, Wien III

Eigentlich wollte ich heute ja einen Beitrag zu einer Jahrhundertwende-Villa in den niederösterreichischen Alpen posten – ein Blick in die Tagesnachrichten hat mich aber veranlasst, diesen für nächste Woche aufzuheben und stattdessen einen aktuellen Veranstaltungshinweis einzuschieben: Wie der ORF berichtet, startet morgen die Sign Week Vienna, die ganz im Zeichen alter Wiener Geschäftsschilder steht. Die Themenwoche will im Rahmen von Ausstellungen, Vorträgen und geführten Spaziergängen auf diese oft auffällig, stets individuell gestalteten Schriftkunstwerke aufmerksam machen und die verschwindende typografische Vielfalt im Stadtraum thematisieren. (Das volle Programm gibt es hier.)

Wer hier schon länger mitliest, wird wissen, dass auch ich ein großer Freund von solchen alten Geschäftsbeschriftungen bin, sei es in Wien oder anderswo. Ich will diesen Veranstaltungshinweis daher gleich nutzen, um an dieser Stelle wieder einmal eine alte Fassadenbeschriftung zu teilen.

Dabei ist gezeigte Beispiel zugegeben eher unspektakulär, aber gerade seine Einfachheit ist es, die mich anspricht. Die Schrift selbst besteht aus jenen voluminösen, einzeln applizierten Blockbuchstaben, wie sie in Wien vor allem in der Zwischenkriegszeit gebräuchlich waren. Sie befindet sich an der einfachen, geradlinigen Fassade einer alten Papierwarenfabrik im Dritten Bezirk, schon nah an der Schlachthausgasse, wo sich zwischen die Wohnbauten bereits die Ausläufer der östlich anschließenden Industriezone mischen. Über den Fenstern und den großen Einfahrtstoren des Erdgeschoßes erstreckt sich fast über die ganze Gebäudebreite die mehrteilige Beschriftung. Links und rechts sind die hergestellten Produkte verzeichnet: „Packpapiere“ steht auf der einen, „Papiersäcke“ auf der anderen Seite. Dazwischen liest man in deutlich größerer Schrift den Namen des Inhabers, „August Wagner“, unter diesem: „Papierwarenfabrikation Ing. Otto Wagner“, vermutlich der Geschäftsgründer und Vater des Vorgenannten.

Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass dieser Papierwarenproduzent den gleichen Namen trug wie Wiens berühmtester Jugendstil-Architekt, denn mit dessen reichdekorierten Bauten hat die schlichte Betriebsfassade so gar nichts gemeinsam. Im Gegenteil, sie zeigt sogar noch jenen trüb-grauen Anstrich, der an Wiener Häusern vor gar nicht so langer Zeit noch fast Standard war, vor allem in den letzten rund zwanzig Jahren aber in den meisten Fällen durch hellere, freundlichere Farben ersetzt wurde. Teilweise ist der Putz auch schon abgebröckelt, und auch die Einfahrtstore wirken etwas heruntergekommen. Aber auch darin liegt, finde ich, eine gewisse, fast melancholische Schönheit…

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