Zielrichterturm, Trabrennbahn Krieau, Wien II

Im vorigen Beitrag ging es, unter anderem, um die Marmorverkleidungen, mit denen Otto Wagner in vielen seiner späten Werke die Fassaden versah. Unter dieser äußeren Hülle liegt dabei in der Regel allerdings ein moderner, pragmatischer Stahlskelettbau. Es ist daher vielleicht nur konsequent, dass der erste reine, unverkleidete Stahlskelettbau in Wien von drei Schülern Wagners errichtet wurde: Der von Emil Hoppe, Marcel Kammerer und Otto Schönthal entworfene Zielrichterturm der Trabrennbahn in der Krieau. Die drei Genannten hatten nicht nur alle bei Wagner studiert, sondern auch eine Zeit lang in seinem Architekturbüro gearbeitet, ehe sie sich 1909 zu einer eigenen Ateliergemeinschaft zusammenschlossen.

Die Trabrennbahn in der Krieau, einem Teil des Praters, war 1878 eröffnet worden. 1910 war die ursprüngliche hölzerne Tribünenanlage so weit in die Jahre gekommen, dass man sich zu einem Neubau entschloss. Den dafür ausgeschriebenen Wettbewerb konnten Hoppe, Kammerer und Schönthal für sich entscheiden. Zur Ausführung ihres Entwurfs kam es allerdings erst 1912–1913. Die großteils aus Eisen errichteten neuen Tribünen sind funktional und schmucklos, lediglich an der Ehrentribüne wurden dezente Majolika-Reliefs der Wiener Werkstätte angebracht. (Die Relifes sind auf dem ersten Foto rechts, auf dem zweiten Foto links zu erkennen oder zumindest zu erahnen.)

Der Zielrichterturm wurde als letzter Bauteil erst nach dem Ersten Weltkrieg, im Jahr 1919, „nachgetragen“. Der fünfgeschoßige Bau kommt nun vollends ohne Zierelemente aus: Über einem gemauerten Sockel erhebt sich eine fast reine Stahl- und Glaskonstruktion. Geschlossene Wandflächen bilden nur die niedrigen Kunststeinparapete, welche die jeweils unterste Zone der einzelnen Geschoße einnehmen. Ansonsten tritt die Trägerstruktur offen und unverblümt zutage.

Den Kern der Konstruktion bildet ein Liftschacht, um den sich eine eiserne Wendeltreppe windet. Die runde Form der Letzteren ist an der Rückseite des Baus deutlich ablesbar: Hier ist der Turm im Grunde nicht mehr als ein verglastes Stiegenhaus! An der Vorderseite, zur Rennbahn hin, schließen hingegen Anbauten für das Zielrichterkomitee an die Treppenspindel an. Diese werden allerdings von Geschoß zu Geschoß schmäler, sodass in den Seitenansichten eine abgetreppte Silhouette entsteht. So präsentiert sich der Bau in immer neuen, wechselnden Ansichten, wenn man ihn umschreitet. Und gerade dieser ständige Wandel ist es, was diesen Turm – auch jenseits der konstruktionstechnischen Aspekte – so spannend macht.

Symmetrisch ist dagegen der dreiteilige laternenartige Aufsatz, der den Zielrichterturm nach oben hin abschließt. Er erinnert ein wenig an die traditionellen Kuppeln byzantinischer bzw. griechischer Kirchen – scheint auf gewisse Art aber auch auf die sich verschmälernden Turmabschlüsse des Art Deco vorauszuweisen.

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