Schützenhaus, Wien II

Nachdem es im vorigen Beitrag um ein Beispiel anonymer ‚Gebrauchsarchitektur‘ ging, habe ich nun direkt das Bedürfnis, das Pendel in die andere Richtung ausschlagen zu lassen und ausnahmsweise ein Gebäude vorzustellen, das von einem der ganz Großen der österreichischen Architekturgeschichte stammt: Otto Wagner. Allerdings gehört das Schützenhaus am Wiener Donaukanal eher zu Wagners weniger bekannten Arbeiten und war lange Zeit sogar regelrecht vergessen. Erst seit der (erneuten) Restaurierung und Adaptierung als Restaurant in den Jahren 2010–2011 ist es etwas stärker ins Rampenlicht gerückt.

Wagner war ab 1894 künstlerischer Beirat der Kommission für die Wiener Verkehrsanlagen und der Donauregulierungskommission. Wie die Stadtbahn-Stationen oder das Nußdorfer Wehr zählt das Schützenhaus zu den Infrastrukturbauten für die Stadt Wien, die er in dieser Funktion entwarf. Es wurde 1907–1908 als Teil der Staustufe Kaiserbad errichtet. Durch diese geplante Staustufe sollte der Donaukanal in einen Handels- und Winterhafen umgewandelt werden. Allerdings wurde sie letztendlich nie in Betrieb genommen, die bereits fertiggestellten technischen Aufbauten wurden nach dem Zweiten Weltkrieg entfernt. Übrig geblieben ist im Wesentlich nur das Schützenhaus als heute weitgehend isoliert dastehendes Monument. An die Staustufe erinnert indes noch der Name des Gebäudes: Als ‚Schütz‘ bezeichnet man den beweglichen Teil einer solchen Wehranlage, der in den Fluss abgesenkt werden konnte, um ihn zu stauen. Der für diesen Vorgang benötigte Wehrkran war ursprünglich im vorspringenden Mittelteil des Obergeschosses am Schützenhaus angebracht.

Mit seiner kompakten Form und der Kombination aus granitverkleidetem Sockel mit hellem, marmorverkleidetem Aufbau darüber erinnert der Bau ein wenig an das Verwaltungsgebäude des Nußdorfer Wehrs, das Wagner 1896 entworfen hatte. Allerdings ist das Schützenhaus strenger und schlichter als der ein Jahrzehnt ältere Vorläuferbau, dem man in den Details noch deutlicher die Üppigkeit des Historismus ansieht. Die Ornamentik am Schützenhaus ist dagegen ausgesprochen reduziert und auf einfache geometrische Formen beschränkt. Eine Ausnahme bilden eigentlich nur die beiden am Obergeschoß angebrachten metallenen Lorbeerkränze – eines von Wagners Lieblingsmotiven, das sich in unterschiedlicher Ausformung an vielen seiner Bauten findet, etwa an der Brücke über die Wienzeile (1894) oder an der Kirche am Steinhof (1904–1907).

Typisch für Wagner, vor allem für die Jahre zwischen etwa 1900 und 1910, ist auch die Fassadenverkleidung mit dünnen Marmorplatten, die scheinbar mit metallenen Nieten festgeschraubt sind: Die sichtbaren Köpfe der Metallstifte sind de facto aber bloßer Dekor, da die Steinplatten direkt im Mörtel darunter ruhen. Die demonstrativ zur Schau gestellten Metallnieten unterstreichen bzw. illustrieren gewissermaßen den Umstand, dass die Marmorplatten eben nur vorgeblendete Verkleidung und nicht Teil der eigentlichen Baustruktur sind. Varianten dieses Fassadenverkleidungsprinzips begegnen auch an den beiden Hauptwerken Wagners aus dieser Phase, der Postsparkasse (1904–1906) und der Kirche am Steinhof (1904–1907).

Für Wagner eher ungewöhnlich ist hingegen der blaue Farbakzent (auch wenn dieser etwas später an der Villa Wagner II wiederkehrt). Im Fall des Schützenhauses nimmt er Bezug auf den Aufstellungsort am Wasser: Die oberste Wandzone ist mit einem Band blauer Keramikfliesen dekoriert, in denen ornamentale weiße Zickzackbänder die Wellen des Flusses zu spiegeln scheinen. Auch wenn der vielbeschäftigte Wagner beim Entwurf des Schützenhauses also in mancherlei Hinsicht einfach aus seinem üblichen Formenrepertoire schöpfte, so zeigt sich in Details wie diesen doch ein durchdachtes Eingehen auf die spezifische Bauaufgabe und die Situation vor Ort.

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