Innerberger Stadel, Steyr (Oberösterreich)

Kam man über die alte Ennsbrücke und durch das ursprüngliche Neutor nach Steyr, so fand man sich auf einem kleinen Platz, an dessen gegenüberliegender Seite sich ein imposantes Gebäude erhebt. Der Platz ist der Grünmarkt, das Gebäude der sog. Innerberger Stadel. Er wurde 1611–1612 als Speichergebäude errichtet. Die oberen Geschoße dienten als Getreidemagazine, im Erdgeschoß sollte eigentlich ein Salzlager angelegt werden, doch erwiesen sich die ebenerdigen Räume dafür als zu feucht, sodass man hier stattdessen eine Wagenremise unterbrachte.

Der heute gebräuchliche Name verweist auf die Innerberger Hauptgewerkschaft, den Zusammenschluss der Gewerken im steirischen Eisenerz (das damals noch Innerberg hieß). Dabei handelt es sich um eine Vorgängerorganisation der Voest-Alpine, gewissermaßen um den Hauptverband der Metallindustrie in der Frühen Neuzeit. Die Innerberger Hauptgewerkschaft erwarb das Speichergebäude 1628, denn Steyr kam dank seiner Lage traditionell eine bedeutende Rolle in Eisenhandel und -verarbeitung zu, da die Enns einer der Haupttransportwege war, um das in den Alpen abgebaute Eisen zur Donau zu bringen.

Der Innerberger Stadel ist ein Renaissancebau mit prägnanter Doppelgiebelfront. Die Mitte der symmetrischen Fassade nimmt ein auffälliges Rundbogenportal ein, links und rechts davon gibt es zwei kleinere Eingänge. Das quadergerahmte Hauptportal zeigt, wie schon das Neutor, Tendenzen zum Manierismus – da ist eine gewisse Verspieltheit, ein freier Umgang mit den Regeln der klassischen Renaissancearchitektur. So ist nur der obere, gerundete Teil des Portals an den Seiten von Pilastern eingefasst. Die Pilaster reichen aber nicht, wie es sich für eine korrekte Säulenordnung gehören würde, bis zum Boden, sondern ruhen auf den langgezogenen Kämpfersteinen des Torbogens.

Verspielt und verschnörkelt, wenngleich regelkonformer, ist auch die Dekoration der Fassade in Sgraffito-Technik. Eckquader, Tor- und Fensterrahmen sind in weiß vom sonst grauen Putz hervorgehoben. Die um die Fenster gelegten Renaissance-Ornamente scheinen in ihren geschwungenen Linien bereits das Kommen des Barocks anzukündigen.

Zusätzlich zur Sgraffito-Dekoration findet sich direkt über dem Portal ein gemaltes Wandbild, das eine Episode aus der Josephsgeschichte des Alten Testaments zeigt. Joseph, der von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft wurde, ist dort zum Berater des Pharaos aufgestiegen. Im Traum hat er sieben fette und sieben magere Jahre vorhergesehen und dem Pharao daher geraten, entsprechende Vorräte anzulegen. Nun, da die mageren Jahre angebrochen sind, kommen Josephs Brüder, die nicht dieselbe Voraussicht hatten, als Bittsteller aus Israel nach Ägypten, um vom Pharao Getreide zu erhalten. – Das ist die Szene, die man im Bild sieht: „Joßevhs Brüder kommen in Egypten Traidt [Getreide] zukauffen“, heißt es in der Inschrift über der Darstellung.

Das Wandbild nimmt also direkt auf die Funktion des Gebäudes als Getreidespeicher Bezug. Es zeigt fast wie ein Geschäftsschild die Nutzung an, gibt der eigentlich recht profanen Zweckbestimmung des Stadels zugleich aber auch einen religiösen Anstrich.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wird der Innerberger Stadel museal genutzt und enthält verschiedene Sammlungen des Museums der Stadt Steyr. 2021 soll er einer der Ausstellungsorte der Oberösterreichischen Landesausstellung „Adel – Bürger – Arbeiter“ sein. Für diesen Zweck wird er zurzeit einer Generalsanierung unterzogen. Die Fotos im Beitrag zeigen noch den Zustand vor diesen aktuellen Renovierungsarbeiten.

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Neutor, Steyr (Oberösterreich)

Im Frühjahr habe ich hier die eine oder andere mittelalterliche Stadtbefestigung vorgestellt. Quasi als Nachtrag dazu heute nun ein Stadttor aus der Frühen Neuzeit, das Neutor in Steyr. Es wurde 1576 in der südöstlichen Ecke der Stadtmauer errichtet, nachdem vier Jahre zuvor ein Hochwasser der Enns diesen Abschnitt der Befestigungsanlagen zerstört hatte.

Es handelt sich um einen breitgelagerten Renaissancebau auf winkelförmigem Grundriss. Nach außen zeigt es an Süd- und Ostseite je eine fünfachsige Fassade. Die Kanten sind durch Eckquader betont, die drei Geschoße durch durchlaufende Gesimse voneinander abgesetzt.

Die Ostseite des Torbaus liegt direkt an der Enns. Hier befindet sich auch das eigentliche Portal, das früher den Hauptzugang zur Stadt bildete. Ursprünglich befand sich an dieser Stelle eine Brücke, die jedoch in den 1970er-Jahren abgetragen wurde, da sie verkehrstechnisch nicht mehr adäquat war. Stattdessen wurde an der Südseite des Torbaus zum Land hin eine für den Autoverkehr geeignete Durchfahrt ausgebrochen, über die man zur weiter südlich gelegenen Schönauer Brücke gelangt.

So ist ein etwas kurioser Effekt entstanden, denn das alte Stadttor öffnet sich nun quasi ins Nichts. Nur eine schmale Plattform gibt es hier anstelle der früheren Brücke, sodass man immerhin den Blick auf den Fluss genießen kann.

Das eigentliche Portal ist dreiteilig: in der Mitte ein rundbogige Durchfahrt, links und rechts schmälere Durchgänge für Fußgänger. Das Ganze hat eine eckige Rahmung aus grob behauenen Quadern. Diese signalisieren einerseits eine gewisse Wehrhaftigkeit, entsprechen in ihrer roh wirkenden Gestaltung aber auch dem Zeitgeschmack. Im Zusammenspiel aus rauer Oberfläche und teilweise gelängten Proportionen tritt der zeittypische Manierismus zutage.

Wie schon bei den mittelalterlichen Stadttoren gilt auch hier, dass es sich nicht um einen reinen Zweckbau, sondern auch um repräsentative Herrschaftsarchitektur handelt. Dieser Aspekt wird in diesem Fall auch durch die Bemalung unterstrichen. Direkt über dem Tor erblickt man zwei mächtige Adler: rechts ein einfacher Adler mit dem österreichischen Wappen im Brustschild, links dagegen ein Doppeladler mit Szepter und Schwert in den Fängen und der Ordenskette vom Goldenen Vlies, die um den Brustschild gelegt ist. Im Schild selbst sieht man eine Kombination des österreichischen Bindenschilds mit den Familienwappen der Häuser Habsburg und Lothringen. Diese spezifische Zusammensetzung wurde meines Wissens erst im 19. Jahrhundert zum offiziellen Wappen des Österreichischen Kaisertums. Auf jeden Fall ist sie nicht vor der Eheschließung zwischen Maria Theresia und Franz Stephan von Lothringen 1736 denkbar. D. h., das über dem Neutor prangende Wappen kann in seiner jetzigen Form nicht dem Originalbestand des 16. Jahrhunderts entsprechen, sondern wurde wohl im 19. Jahrhundert auf den damals aktuellen Stand gebracht.

Unterhalb der beiden heraldischen Adler, direkt über der mittleren Durchfahrt findet sich in einer eleganten Kartusche noch eine vierzeilige lateinische Inschrift. Die beiden ersten Zeilen verweisen auf die Flutkatastrophe und die Zerstörungen des Jahres 1572, die dritte und die vierte Zeile auf den Wiederaufbau 1576. Die Jahresangaben sind dabei in Form eines Chronogramms im Text versteckt. D. h., die Buchstaben, die auch römische Ziffern darstellen, sind in Rot hervorgehoben – zählt man sie zusammen, erhält man die beiden genannten Jahreszahlen.

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Pirkershausen-Mausoleum, Wolfsberg (Kärnten)

Als Abschluss der kleinen Mausoleums-Serie ein neobarocker Grabbau, der im Gegensatz zu den beiden vorigen Beispielen nicht im dörflichen, sondern im kleinstädtischen Ambiente entstand. Die „Familien Pirker und Anton v. Pirkershausen“, deren Name in goldenen Lettern über dem Portal angebracht ist, gehörten zur großbürgerlichen Elite Wolfsberg, die enge Beziehungen nach Wien und Graz unterhielt. Mehrere Wolfsberger Familien ließen sich in den Jahren um 1900 von Wiener und Grazer Architekten prachtvolle Villen in Hanglage über dem Ort errichten, und meist auch gleich noch ein aufwändiges Grabdenkmal am örtlichen Friedhof. So ist das Pirkershausen-Mausoleum in seiner Umgebung deutlich weniger isoliert als die vorigen Beispiele. Man kann es zwar durchaus als den bedeutendsten Grabbau des Wolfsberger Friedhofs bezeichnen, aber das von Fellner & Helmer entworfene Grabmonument der Familie Heyrowsky (mit einer Skulpturengruppe Rudolf Weyrs) macht ihm diesen Rang ernsthaft streitig…

Unbestreitbar ist jedenfalls, dass die Familie Pirker bzw. später Anton von Pirkershausen zu den bedeutendsten der Stadt zählte. Der 1881 verstorbene Handelsmann und Realitätenbesitzer Wolfgang Pirker hatte bei seinem Tod das Amt des Wolfsberger Bürgermeisters inne. Seine Tochter und Erbin, Josefine Pirker, heiratete 1892 den k. u. k. Fregattenkapitän Franz Anton. Dieser hatte sich als junger Offizier unter Admiral Tegetthoff im Seegefecht bei Helgoland und in der Schlacht bei Lissa hervorgetan und legte eine beachtliche Karriere in der österreichisch-ungarischen Kriegsmarine hin. Bei seiner Pensionierung hatte er es bis zum k. u. k. Linienschiffkapitän und zu zahlreichen Auszeichnungen gebracht. Unmittelbar nach seiner Hochzeit mit Josefine Pirker wurde ihm vom Kaiser sogar das Adelsprädikat „von Pirkershausen“ verliehen.

Im Lauf der Jahre gab die Familie mehrere repräsentative Bauwerke in Auftrag. Anna Pirker – die Witwe Wolfgangs und Mutter Josefines – ließ etwa 1888 eine mehr als ansehnliche Villa in bester Hanglage über Wolfsberg errichten. Der Grazer Architekt Friedrich Sigmundt (1856–1917), der auch kurz im Atelier Otto Wagners in Wien gearbeitet hatte, entwarf den Bau im Stil der Neo-Renaissance. Acht Jahre später, 1896, ließ Josefine von demselben Architekten ein Stadtpalais in Graz planen, diesmal in neobarocken Formen.

Es erscheint vor diesem Hintergrund nicht abwegig, in Sigmundt auch den Entwerfer des Wolfsberger Mausoleums der Familie zu vermuten. In den neobarocken Details bestehen durchaus Ähnlichkeiten zum Grazer Stadtpalais, auch wenn die unterschiedliche Bauaufgabe einen direkten Vergleich erschwert. Ein sicherer Nachweis über den Architekten des Mausoleums scheint leider nicht vorhanden zu sein, und auch zur Bauzeit liegen keine konkreten Daten vor. In der Regel wird sie vage mit „um 1900“ angegeben. Möglicherweise gab erst der Tod des k. u. k. Linienschiffkapitäns Franz Anton von Pirkershausen selbst im Jahr 1906 den Anlass zur Errichtung des Grabbaus. Als seine Frau Josefine 1936 starb, heißt es jedenfalls in einem Nachruf, dass sie es war, die das Mausoleum „zur Ehrung ihrer Lieben schuf“ (Freie Stimmen, Do., 6. Aug. 1936, S. 3).

Der qualitätvolle Bau auf quadratischem Grundriss, wird von einer niedrigen, etwas gedrückt wirkenden Kuppel bekrönt. Am unteren Ansatz der Kuppel sind ovale Fensteröffnungen eingefügt, die ein wenig an die Wiener Karlskirche erinnern. Während die Seitenwände und die Rückwand des Mausoleums relativ schlicht und massiv gehalten sind, ist die Hauptfassade mit reichem bauplastischem Dekor versehen. Ein baldachinartiger Portikus steigert die Pracht dieser Schauseite noch zusätzlich.

An den Ecken dieses Portikus’ tragen geflügelte Karyatiden Dach und Gebälk und halten Blumenkränze in den emporgehobenen Händen. Diese dynamischen weiblichen Figuren passen zwar zur barocken Üppigkeit des Bauwerks, ihre nackten Oberkörper wirken im Rahmen des Friedhofs aber doch ein klein wenig befremdlich.

Züchtiger geben sich dagegen die Relieffiguren, die links und rechts vom Portal in flache Nischen eingepasst sind. Links erblickt man einen antikisierenden Genius mit zu Boden gesenkter, erlöschender Fackel: ein aus der Antike entlehntes Trauermotiv, das im Klassizismus der Zeit um 1800 wieder aufgegriffen wurde und sich in der Folge großer Beliebtheit als Grabschmuck erfreute. Rechts hingegen ist ein Engel mit Posaune in den Händen dargestellt, wie bereit, um mit dem Instrument die Toten zur Auferstehung und zum Jüngsten Gericht zu rufen.

In formaler Hinsicht sind diese beiden Figuren klar als Pendants gestaltet, die einander in ihrer ganzen Haltung ähneln. Inhaltliche hingegen bilden sie ein Gegensatzpaar, das heidnisch-antike und christliche Tradition kontrastierend gegenüberstellt. Dass die eine Figur zu Boden blickt, die andere jedoch die Augen zum Himmel erhoben hat, legt aber doch nahe, dass sie nicht als gleichwertige Optionen zu werten sind. Vielleicht soll auch der Genius die diesseitige Trauer (der Angehörigen) symbolisieren, der Engel hingegen die Hoffnung auf Erlösung und ewiges Leben im Jenseits…

Anders als bei den Mausoleen, die in den vorigen Beiträgen besprochen wurden, gibt es hier also ein figürliches Skulpturenprogramm, das der Architektur inhaltliche Bedeutung verleiht. Auch im nicht zugänglichen Inneren des Bauwerks gibt es übrigens Skulpturenschmuck, nämlich eine Pietà sowie Büsten prominenter Familienmitglieder. Sie stammen vom Klagenfurter Bildhauer Josef Kassin.

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