Dachreiter, Margaretenkapelle, Steyr (Oberösterreich)

Ich hatte hier zuletzt den gotischen Dachreiter der Kartause von Gaming vorgestellt und ihn als den vielleicht schönsten mittelalterlichen Dachreiter Österreichs bezeichnet. Die Betonung liegt allerdings auf dem Wort ‚vielleicht‘, denn es gibt einen ernsthaften Konkurrenten um diesen Titel. Es handelt sich um den Dachreiter der Margaretenkapelle in Steyr, der rund hundert Jahre später entstand als jener in Gaming.

Besucht man Steyr oder betrachtet man einfach das obige Foto, dann ist die kleine Kapelle zugegebenermaßen leicht zu übersehen. Schließlich liegt sie direkt neben der Stadtpfarrkirche und geht im Schatten dieses monumentalen Baus mit dem prachtvollen neugotischen Turm doch ein wenig unter. Aber Größe ist bekanntlich nicht alles, und es lohnt sich durchaus, auch den Dachreiter in der linken unteren Bildecke näher zu betrachten.

Die Margaretenkapelle entstand vermutlich im ersten Viertel des 15. Jahrhunderts, der Dachreiter dürfte kurz darauf, wohl in den 1430er-Jahren, hinzugefügt worden sein. Wie für diese Zeit typisch, ist das kleine Türmchen reich verziert und mit Fialen, Kreuzblumen und Krabben fast überladen. Der Dekor ist hier deutlich dichter und plastischer als in Gaming, sodass in der Gegenüberstellung schön erkennbar ist, wie sehr sich Stil und Zeitgeschmack in den rund hundert Jahren, die dazwischenliegen, geändert haben.

Der Gesamtaufbau ist bei beiden Dachreitern hingegen weitgehend gleich: Auch in Steyr folgt auf einen Sockel mit Blendmaßwerk ein offenes Glockengeschoß und zuoberst ein gemauerter Turmhelm. Anders als in Gaming gibt es hier aber noch einen zusätzlichen schmalen Sockel, der das Gebilde als Ganzes über die Firsthöhe des Kapellenlanghauses hebt. Dadurch hat die Konstruktion fast etwas Schwebendes und – trotz des dichten Dekors – etwas Leichtes.

Der Dachreiter der Margaretenkapelle gilt als Frühwerk des bedeutenden Architekten und Werkmeisters Hans Puchsbaum (gest. 1454). Parallelen bestehen vor allem zur Wiener Spinnerin am Kreuz, für deren (Wieder-)Errichtung Puchsbaum 1451/52 verantwortlich zeichnete. Damals war er bereits Vorsteher der Bauhütte von St. Stephan in Wien, als deren Mitglied er seit 1432 nachgewiesen ist. Zu seinen Werken zählt aber auch der 1443 begonnene Chor der Steyrer Stadtpfarrkirche, eines der vielen ‚Nebenprojekte‘, die im 15. Jahrhundert von der Wiener Bauhütte betreut wurden. So gesehen ist also der Dachreiter der Margaretenkapelle der ‚Bruder‘ des nebenan gelegenen Gotteshauses. Da er rund zehn Jahre älter ist, könnte man ihn eigentlich sogar als den ‚großen Bruder‘ bezeichnen. Aber in Anbetracht der Dimensionen wäre das vielleicht doch etwas weit hergeholt …

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Dachreiter, Kartause Marienthron, Gaming (Niederösterreich)

Nun ist es auch schon wieder fast zwei Wochen her, dass Notre-Dame in Paris bei einem Brand schwer beschädigt wurde, und in den Tagesnachrichten dominieren längst wieder die Proteste der „Gelbwesten“ die aktuellen Berichte aus der französischen Hauptstadt. Aber die Bilder des brennenden Kirchendachs werden uns wohl noch lange im Gedächtnis bleiben, insbesondere der dramatische Moment, als der neugotische Dachreiter über der Vierung einstürzte und in den Flammen versank. Der Dachreiter von Notre-Dame war eine mit Blei verkleidete Holzkonstruktion, die 1860 im Rahmen der großangelegten Kirchenrestaurierung durch Eugène Viollet-le-Duc errichtet worden war. Er basierte auf einem mittelalterlichen Original, das 1786 abgetragen worden war, aber in gemalten Ansichten aus der Zeit davor gut dokumentiert ist. Allerdings war die Neuschöpfung Viollet-le-Ducs aufwändiger gestaltet als ihr historisches Vorbild und übertraf dieses in punkto Baudekor deutlich.

Aber auch die Architektur des Mittelalters selbst hat natürlich sehenswerte, reich verzierte Dachreiter zu bieten, und zwar nicht nur in Frankreich, sondern auch hierzulande. Das vielleicht schönste Exemplar des Landes findet man an der Kirche der ehemaligen Kartause Marienthron in Gaming, am Fuße des Ötschers.

Gegründet wurde das Gaminger Kartäuserkloster 1330 von Herzog Albrecht II., der es auch zu seiner Grablege bestimmte. Wie bei anderen Kartausen, die als fürstliche Begräbnisorte dienten, lässt sich hier eine gewisse Spannung zwischen dem herrschaftlichen Repräsentationsanspruch der Stifter und den strengen, asketischen Ordensidealen der Kartäuser konstatieren. So hatte die 1342 geweihte Klosterkirche in Gaming offenbar eine prachtvolle Glasmalerei-Ausstattung, von der allerdings nur eine Scheibe mit dem Stifterbild von Herzog Albrecht und seinen Söhnen erhalten ist (heute in der Sammlung des Stifts St. Florian bei Linz). Albrecht war auch auf einem prächtigen gestickten Antependium dargestellt, dass er für den Altar der Klosterkirche stiftete. Andererseits ist der Bau architektonisch ausgesprochen schlicht gehalten und verzichtet gänzlich auf Bauskulptur. Auch verfügt die Kirche über keinen Turm, da die strengen Ordensregeln der Kartäuser lediglich die einfacheren Dachreiter als Glockenträger erlauben. Wie der Name schon suggeriert, verfügen Dachreiter über keinen Unterbau, sondern sitzen am Dachfirst auf und dürfen dementsprechend nicht zu schwer sein. Sie sind daher zwangsweise deutlich kleiner als ein ‚ausgewachsener‘ Kirchturm und in der Regel aus Holz, um das Gewicht möglichst gering zu halten.

In Gaming erfüllte man zwar dem Buchstaben nach das Turmverbot, holte aber quasi das Maximum aus dem Erlaubten heraus. Der sechseckige Dachreiter über dem Altarraum wurde nicht nur aus Stein erbaut, sondern als einziger Bauteil der Kirche auch reich dekoriert. Sein Sockelgeschoß ist mit Blendmaßwerk verziert, das Glockengeschoß darüber öffnet sich in dreibahnigen Maßwerkfenstern. Oben ist es von einem Kranz aus Wimpergen und Fialen bekrönt; Wasserspeier in Löwenform ragen markant aus der Silhouette hervor. Zuoberst folgt ein gemauerter, krabbenbesetzter Turmhelm, der mit einer Kreuzblume abschließt.

Die vergleichsweise aufwändige Gestaltung dieses ‚Türmchens‘ steht wohl wiederum in Zusammenhang mit der Funktion der Kirche als habsburgische Grablege und dem Repräsentationsanspruch des Stifters. Vermutlich waren es sogar Wiener Werkleute aus dem Umfeld von Albrecht II., die den Gaminger Dachreiter schufen. Jedenfalls gibt es Verbindungen zum (nicht erhaltenen) gotischen Turmabschluss der Michaelerkirche in Wien, der um 1340 mit Unterstützung des Herzogs neu errichtet wurde. Ja, in mancherlei Hinsicht scheint der Dachreiter auch die Turmprojekte von Albrechts Sohn, Rudolf IV., vorwegzunehmen, nämlich den Turm der Wallfahrtskirche Maria Straßengel bei Graz (beg. 1355) und den Südturm des Wiener Stephansdoms (beg. 1359).

Aber auch ohne solche Bezüge wäre der Gaminger Dachreiter natürlich ein wunderbares Stück Architektur, und auch wenn der Ort etwas abgelegen ist: Wenn man einmal, etwa zum Wandern, in der Ötscherregion ist, lohnt es sich auf jeden Fall, einen Abstecher zur alten Kartause einzuplanen.

 

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Kreuzwegstationen, Gaming (Niederösterreich)

Zum Karfreitag wieder einmal ein thematisch passender Beitrag: einer der vielen Kreuzwege, die man in Österreich landauf, landab antrifft… Das Konzept, die Leidensstationen Jesu auf dem Weg von Jerusalem zur Hinrichtungsstätte auf Golgotha anhand von Bildstöcken gleichsam nachzustellen, wurde gegen Ende des Mittelalters entwickelt. Hierzulande fand diese immersive Andachtsform dann vor allem im Zuge der Gegenreformation im 17. und 18. Jahrhundert weite Verbreitung.

Üblicherweise liegen solche Kreuzwege am Ortsrand und meist führen sie einem Hang hinauf, um den Anstieg nach Golgotha nacherlebbar zu machen. Das Beispiel aus Gaming, am Fuße des Ötschers, bildet da keine Ausnahme: Der Kreuzweg wurde im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts an einem steil ansteigenden Hügel direkt gegenüber der berühmten Kartause angelegt. Seinen Abschluss findet er wie üblich in einer Kalvarienbergkapelle mit Kreuzigungsgruppe. Diese Kapelle stammt auch wirklich noch aus der Barockzeit, die Kreuzwegstationen sind hingegen weitgehend Rekonstruktionen aus den 1980er-Jahren. An Details wie dem verwendeten Putz sieht man ihnen das auch durchaus an, nicht aber im Gesamteindruck: Sie sind so einfach gestaltet, dass sie zeitlosen Charakter haben.

Die einzelnen Stationsbildstöcke bilden im Grunde breite Pfeiler, die von einem Pultdach aus Holzschindeln bedeckt sind. Nach vorne öffnen sie sich in breiten Nischen mit flach-rundbogigem Abschluss. Das Innere der Nischen ist gestaffelt: Knapp über dem Boden befindet sich eine Art Treppenabsatz, dann folgt ein angedeuteter, flacher Altartisch, dahinter bzw. darüber an der Wand schließlich ein Gemälde mit der jeweiligen Szene aus der Passionsgeschichte. Durch diese Anordnung entsteht so etwas wie eine Betbank, die es den Gläubigen erlaubt, vor den Bildern zur Andacht hinzuknien.

So weit, so unspektakulär. Was ich am Gaminger Kreuzweg aber faszinierend finde, ist die Art, wie er sich in die umgebende Landschaft fügt. Zwar nicht alle, aber doch die meisten Kreuzwege wurden nämlich in freiem Gelände oder zumindest an halbwegs breiten, gut gangbaren Wegen angelegt. In Gaming jedoch hat man ihn in relativ unwegsamem Gelände mitten in den Wald gepfropft. Nur ein schmaler, steiler, streckenweise steiniger Pfad führt an ihm entlang, und man ist beinahe überrascht, wenn wieder einer der Bildstöcke plötzlich zwischen den Bäumen hervorleuchtet.

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